Drei Arten von Gesetzlichkeit

Montag, 2. November 2026

Gesetzlichkeit ist ein Gift, welches uns unseres geistlichen Lebens beraubt. Dahinter steckt unser Stolz, der uns dazu bewegt, uns gut zu fühlen. Perfide verführt der Stolz uns zu Gesetzlichkeit in ganz unterschiedlicher Form.

Menschen, die Jesus gerade kennengelernt haben, sind oft überschwänglich begeistert. Doch nicht selten lässt dieses Feuer schon nach Monaten nach. Die Freude, von Gott angenommen zu sein, macht dem Bedürfnis Platz, sich selbst gut zu fühlen und von Mitchristen als «guten Christen» wahrgenommen zu werden. Der Fokus geht von Gottes Liebe weg und hin zu eigenem Gutsein.

Ich kenne dies. Begeistert von Jesus drückte ich meine Liebe zu ihm aus. Doch dann wurde ich stolz auf mein engagiertes Christsein und bildete mir ein, dadurch so etwas wie ein «Besser-Christ» zu sein. Natürlich sagte ich dies nie, denn als Schweizer weiss ich, wie wichtig der Anschein von Demut ist. Doch ich tappte wiederholt in unterschiedliche Gesetzlichkeitsfallen. Um diese besser zu erkennen, half es mir, drei Arten von Gesetzlichkeit auszumachen: Moralische, theologische und charismatische Gesetzlichkeit – diese drei Bereiche zeigen ein Spektrum auf.

Moralische Gesetzlichkeit

Das ist zweifellos die bekannteste Form von Gesetzlichkeit. Gottesdienstbesuche, tägliches Bibellesen oder Spenden können genauso zu Stolz führen, wie Verzicht auf Zigaretten oder Sex vor der Ehe. Wir fühlen uns als Christ bedeutend wegen einem intensiven Gebetsleben oder einem evangelistischen Lebensstil.

Kurz: Wir verhalten uns so, damit wir sagen können: «Ich bin ganz ok!» Damit dies gelingt, setzen wir ein paar Regeln, bei deren Einhaltung wir uns bestätigt fühlen. Und wenn wir dabei sogar unsere Mitmenschen übertreffen, fühlen wir uns besonders gut. Stolz und das Bedürfnis, gut zu sein, verleiten uns zu einem solchen Regeldenken.

Damit machen wir Annahme, Wert und Geliebtsein nicht mehr von Gott, sondern von unserem Verdienst abhängig. Wenn uns dies bewusst wird, können wir uns Gott neu zuwenden.

Theologische Gesetzlichkeit

Kommen wir zurück zu Gottes Gnade, finden wir die Quelle echten Lebens. Wir blühen auf, wachsen im Glauben und biblische Wahrheiten erfüllen uns. Mit moralischer Gesetzlichkeit wollen wir nichts mehr zu tun haben – trotzdem schlummert der Stolz in uns und wir entwickeln plötzlich eine neue Gesetzlichkeit. Ich nenne sie theologische Gesetzlichkeit. Dabei geht es nicht 
ums «richtige» Verhalten, sondern ums «richtige» Glauben.

Als ich verstand, dass ich durch mein Verhalten Gottes Annahme nicht verdienen kann, gleichzeitig mein Stolz danach verlangte, «gut» zu sein, betonte ich plötzlich den Glauben – und zwar auf gesetzliche Weise, bei der «mein biblischer Glaube» im Zentrum stand. Dabei ist Gottes Gnade so gross, dass ich sie nie vollständig erfassen kann. Meine Erkenntnis bleibt immer Stückwerk – egal wie viel ich mir auf meinen Erkenntnisstand einbilde. Dadurch werde ich zum Opfer einer theologischen Gesetzlichkeit, welche mein geistliches Leben genauso lähmt wie moralische Gesetzlichkeit.

Charismatische Gesetzlichkeit

Im Laufe der Jahre entdeckte ich eine weitere Gesetzlichkeit, die sich noch besser versteckt als die moralische oder theologische. Auch mit der Erkenntnis, dass Gott mich weder aufgrund meines Verhaltens noch wegen meines korrekten Bibelverständnisses annimmt, kann ich stolz sein. Noch immer steckt der Wunsch in mir, besser zu sein als meine Mitmenschen. So ertappte ich mich dabei, meinen Wert in dem zu sehen, was Gott mir geschenkt hat. So unsinnig dies ist, wurde ich doch Opfer dieses Denkens. Tiefe Gotteserfahrungen, Geistesgaben oder irgendwelche Errungenschaften weckten in mir das Gefühl, besonders wertvoll zu sein.

Tatsächlich beobachte ich, wie auch andere Christen in diese Falle tappen. Dies führt zur Haltung: «Gott hat an mir und durch mich mehr gewirkt – also bin ich bedeutender!» Und wieder nehme ich mich selbst als Grundlage. Christen ohne Berührungspunkt zur charismatischen Bewegung mögen vielleicht denken, dass charismatische Gesetzlichkeit sie nicht betrifft – sie dürfen gerne einen anderen Namen dafür geben und dann merken, dass dieses Thema auch sie betreffen kann. Ich bin überzeugt, dass es sich um die perfideste Gesetzlichkeit handelt, die unser Glaubensleben genauso lähmt wie moralische oder theologische Gesetzlichkeit.

Das Problem ist der Stolz

Gesetzlichkeit tarnt sich hervorragend. Dies ist so, weil das, wovon wir uns Bedeutung erhoffen, an sich gut ist. Bibellesen ist etwas vom Besten, das ich tun kann. Erwarte ich mein Heil aber von stundenlangem Lesen, bin ich in den Fängen der Gesetzlichkeit. Genauso ist ein tiefes Verständnis des Neuen Bundes eine Bereicherung für mein Leben. Blicke ich jedoch auf Menschen herab, die dieses Konzept nicht so verstehen wie ich, bin ich theologisch gesetzlich. Es gibt nichts Besseres als Menschen in eine lebendige Beziehung mit Jesus zu führen. Denke ich aber aufgrund solcher «Erfolge», in Gottes Augen wertvoller zu sein, bin ich ebenfalls einer Gesetzlichkeit verfallen.

Letztlich zieht jede Form der Gesetzlichkeit ihre Nahrung aus meinem Stolz. Stolz ist ein Gift, welches tief in uns steckt. Stolz kann zwar an Kraft verlieren, wird aber nie vollständig überwunden sein. Er verliert Kraft, indem wir auf demütige Weise von Gottes Geist erfüllt und geleitet werden. Je grösser mir Jesus wird, desto unbedeutender wird mein Zutun. Gleichzeitig werden aber gutes Verhalten, Erkenntnisse und Gottes Wirken in meinem Leben zunehmen. Doch ich bilde mir nichts mehr darauf ein, denn ich weiss, dass mein Wert allein in Jesus Christus begründet ist.

 

Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom November 2026 | Text: Markus Richner-Mai - Redaktion  |  Bilder: ChatGPT, pixabay