Emotionalismus: Sagen unsere Gefühle immer die Wahrheit?

Dienstag, 30. Juni 2026

In der letzten Ausgabe habe ich geschrieben, dass in der Postmoderne der absolute Wahrheitsanspruch abgeschafft wurde. Wahrheit wird als subjektiv betrachtet – jeder darf behaupten, dass seine Wahrnehmung und Sicht wahr sind. Jedoch ohne den Anspruch, dass andere das teilen müssen. Sie müssen es nur tolerieren.

Woher kommen unsere Gefühle?

Auch beim Emotionalismus ist die individuelle Wahrnehmung massgebend, die entscheidende Rolle spielen dabei die eigenen Gefühle. Möglicherweise liegt es an der Erfahrung, dass alle Infos, die von «aussen» kommen, Fakes sein könnten – Bilder, Statistiken, Berichte usw., so dass man die ganz eigene Empfindung als sicherste Quelle erachtet. Jedenfalls lautet das Motto nun: «wahr ist (nur), was ich fühle!» Oder: «folge deinem Herzen, denn es lügt nie!» Das tönt doch nach Freiheit und Selbstverwirklichung!

Es ist schwierig, dieser Logik zu widersprechen, man kann tatsächlich schlecht behaupten, jemand fühle doch gar nicht, was er sage. Aber heisst das auch, dass Gefühle immer richtig sind? Hier passiert eine irreführende Vermischung. Man kann (und soll) einer Person die Gefühle nicht abstreiten, aber man kann durchaus die Basis hinterfragen, auf der das Gefühl aufbaut. Woher kommen denn unsere Gefühle? Meistens resultieren sie aus Erfahrungen und Gedanken.

Wenn ich zum Beispiel mit einer Freundin verabredet bin und diese 15 Minuten nach unserem vereinbarten Termin nicht auftaucht und sich auch nicht meldet, denke ich, dass sie mich vergessen hat. Aufgrund dieses Gedankens fühle ich mich versetzt und entsprechend enttäuscht und leicht säuerlich. Wenn ich nun erfahre, dass sie auf dem Weg zu mir mit dem Fahrrad gestürzt und nun mit der Ambulanz unterwegs ins Spital ist, ändert sich mein Gefühl aufgrund der neuen Information schlagartig: ich bin nun plötzlich besorgt und mich plagt ein schlechtes Gewissen. Mein erstes Gefühl, die Enttäuschung, war durchaus echt. Aber es basierte auf einer falschen Annahme.

Gefühle sind wunderbar! Aber nicht Massstab für Wahrheit

Gott hat uns als fühlende Wesen geschaffen und Emotionen bereichern unser Leben. Wenn ich nicht in der Lage wäre, Freude, Neugier, Spannung, Erleichterung aber auch Trauer, Sehnsucht, Scham und vieles mehr zu empfinden, wie trist wäre da mein Leben! Natürlich beeinflussen Emotionen unsere Entscheidungen. Es ist schade, wenn Gefühlen grundsätzlich misstraut wird – meiner Meinung nach kam (oder kommt) das gerade in christlichen Kreisen manchmal vor.

Unsere Gefühle liefern uns wichtige Informationen zu unseren Gedanken oder unserem Herzen. Sie sind wichtige Signale. Und als solche sollten wir sie ernst nehmen. Dabei sollte uns aber bewusst sein, dass Gefühle nicht unbedingt zum Verifizieren von Fakten taugen. Es gibt Dinge, die kann man mit Gefühlen allein einfach nicht beurteilen. Das ist, wie wenn man mit einem Thermometer eine Distanz messen möchte. Nicht das Thermometer an sich ist das Problem, es ist bloss das falsche Instrument für gewisse Messungen.

Auch dazu ein Beispiel: In der Bibel steht, dass Gott mich liebt. Was nun, wenn ich diese Liebe nicht fühle? Emotionalisten würden sagen: «Wenn ich keine Liebe fühle, ist keine Liebe da. Die biblische Aussage ist demnach falsch.» Wer die Bibel als absolute Wahrheit sieht, würde sagen: «die Bibel ist wahr, also stimmt etwas mit meinen Gefühlen nicht». Das finde ich prinzipiell richtig. Allerdings wäre es einfühlsamer und zielführender, zu fragen: «warum ist mein Herz derzeit nicht in der Lage, Gottes Liebe zu fühlen, die ich aufgrund der biblischen Zusage dennoch für real halte?» Diese Frage anerkennt den biblischen Wahrheitsanspruch und nimmt gleichzeitig Gefühle ernst.

Gesunder Umgang mit Gefühlen

Von Emotionalisten können wir lernen, einen guten Zugang zu unseren Gefühlen zu haben, sie präzise wahrzunehmen und formulieren zu können. Allerdings sollten wir nicht dabei stehen bleiben, sondern auch lernen, die Herkunft unserer Gefühle zu verstehen, sie zu analysieren und nach dem wahren Massstab einzuordnen. Gefühle lassen sich mit wahrer Information steuern! Wenn wir unsere Gedanken gezielt mit biblischer Wahrheit füllen, wirkt sich das auf unsere Gefühle aus. Wir dürfen Gott auch darum bitten, unsere Gefühle an der Wahrheit zu eichen.

Es ist nützlich, wenn wir unsere Kinder lehren, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu formulieren. Ebenso aber auch, dass Gefühle nicht der Massstab von Wahrheit sind. Sie sollen lernen zu erkennen, woher ihre Gefühle kommen und wie sie beeinflusst werden können. Wahrscheinlich funktioniert das nicht unbedingt im Moment der starken Emotionen, aber später könnte man vielleicht fragen: «was hat dich heute Nachmittag so wütend gemacht? Könnte es sein, dass du gedacht hast, dass du zu kurz kommst? Findest du das gerechtfertigt? Was könnte dir helfen, dich anders zu fühlen? Lass uns mal zusammen Gründe finden, für die du dankbar sein kannst.» Das ist ein simples Beispiel, in der Praxis sind Kinder- und Teeniegefühle komplexer, das ist mir bewusst.

Lasst uns beten, wie David in Psalm 139,23+24, dass Gott Wahrheit offenbart: Durchforsche mich, o Gott, und sieh mir ins Herz, prüfe meine Gedanken und Gefühle! Sieh, ob ich in Gefahr bin, dir untreu zu werden, und wenn ja: Hol mich zurück auf den Weg, den du uns für immer gewiesen hast! (nach «Hoffnung für alle»).

Buch zum Thema

Daraus entnehme ich etliche Grundlagen für diese Apologetik-für-Kinder-Serie.

Bärenstark
Hillary Morgan Ferrer
ISBN: 9783863538361

Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom Juli 2026 | Text: Gabi Jacobi, Kinder & Familien im EGW | Bilder: zVg, Canva