Von Brot, Kindern und Hunden

Dienstag, 30. Juni 2026

Der überraschte Jesus und der Glaube einer Nichtjüdin

Es ist schon ein starkes Stück, das wir hier zu sehen und hören bekommen! Zuerst wird Jesus nicht in Ruhe gelassen, dann soll er einen Exorzismus, den er nicht vornehmen möchte, durchführen. Eine Frau aus dem heidnischen Umfeld belehrt ihn und stimmt ihn um, und zu guter Letzt gibt es eine Fernheilung obendrauf. Der Bericht zeigt Jesus in einer Situation, in der er zunächst nicht als triumphaler Heiler erscheint.

Jesus überwindet Grenzen

Diese Episode spielt auf heidnischem Boden. Jesus überwindet eine Grenze, welche nicht nur geographisch zu verstehen ist. Er begibt sich in das Gebiet von Tyrus. Nicht in «Tyrus» selbst, aber in einem Ort der Umgebung 1 findet Jesus gastliche Aufnahme in einem «Haus». Es geht ihm ähnlich wie dem Propheten Elia 2. Er zieht sich in ein Haus zurück, um nicht erkannt zu werden, doch es ist unmöglich, dies geheim 3 zu halten. Sogleich hört eine Frau von ihm. Diese Frau ist eine Griechin aus Syrophönizien, eine Heidin, deren kleine Tochter von einem bösen Geist beherrscht wird. Ihre verzweifelte Bitte um Befreiung setzt eine erstaunliche Entwicklung in Bewegung.

Ein rätselhaftes Gespräch

Markus dokumentiert das einzige Mal in der gesamten Evangelienüberlieferung, dass Jesus eine Heilungsbitte zunächst abweist, sich dann aber von der Frau überzeugen lässt – die einzige Streitdiskussion, die Jesus verliert. Jesus antwortet: «Zuerst sollen die Kinder satt werden. Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.» Die Metapher ist deutlich: Israel sind die «Kinder», Heiden die «Hunde». Im Haushalt leben Hunde (κυνάριον kynarion als Haushund im Gegensatz zum «Strassenköter»), die da, wo kein Luxus herrscht, nicht am Essen der Familie teilhaben, sondern den Abfall erhalten. 4

Die Frau antwortet gewandt: «Aber unter dem Tisch fressen sogar die Hunde von den Krümeln der Kinder.» Sie akzeptiert die Hierarchie, dreht sie aber zu ihrem Vorteil um. Die Frau schlägt Jesus mit seinen eigenen Waffen. Dies ist keine Kritik oder Korrektur Jesu, sondern eine brillante theologische Argumentation, die zeigt, dass auch Heiden selbst in einer unter- oder besser nach-geordneten Position, Anteil an Gottes Rettung haben können.

Jesus anerkennt dies: «Wegen dieser Antwort sage ich dir: Geh nach Hause! Der Dämon hat deine Tochter verlassen.» Die Heilung erfolgt aus der Ferne, das würden wir heute als Fernheilung bezeichnen. Es ist die Einzige bei Markus, welche aber parallel zu anderen neutestamentlichen Erzählungen verläuft, in denen ebenfalls Heiden geheilt werden. 5 

Die Episode demonstriert, dass Glaube nicht an ethnische oder religiöse Grenzen gebunden ist, sondern sich dort manifestiert, wo echte Verzweiflung auf echte Hoffnung trifft.

Es ist genug für alle

Wenn wir über den Tellerrand der Geschichte schauen, entdecken wir den roten Faden zu der knappen Ressource Brot. So ereignet sich dieses Gespräch im Umfeld der reichen Stadt Tyrus, welche die Ernte von der Region Galiläa aufgekauft hatte. Dadurch erhält die Frage nach Brot eine doppelte Bedeutung und weist subtil auch auf sozialökonomische Spannungen hin 6. Nehmen die heidnischen Städte den jüdischen Bauern das Brot zum Leben weg?

So scheint die Einrahmung durch die Brotvermehrung für 5000 Menschen in Kapitel 6 und die Brotvermehrung für 4000 Menschen (Kapitel 8) im Zehnstädtegebiet in diesem Zusammenhang zu stehen. Dass Jesus im heidnischen Umfeld das zweite Brotvermehrungswunder vollbringt, zeigt eine weitere Öffnung hin zur ganzen Welt.

Im übertragenen Sinn wird hier schon klar angedeutet, dass die Rettung und Heilung durch Jesus Christus nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker und Nationen gilt. Selbst für Jesus war dazu die Überwindung einer eigenen inneren Grenze nötig. Die Erwählung geschieht durch Gott allein und nicht durch unsere eigene Exklusivität, wie immer sie begründet sei. In Anbetracht der aktuell grossen Spannungen im Nahen Osten ist darum etwas Vorsicht geboten, vorschnell in die eine oder andere Richtung zu urteilen. Unser Massstab muss sich in allem an das Handeln Jesu an Juden wie an Heiden orientieren, denn grundsätzlich ist «genug für alle da»!

1 Matthäus 15,21  |  2 1. König 17,10ff  |  3 So erging es ihm ja öfters (Markus 1,37.45; 2,1; 3,7; 6,31ff)  |  4 Gerber Christine (2021), Es ist genug für alle da! (Die Heilung der Tochter der Syrophönizierin), Markus 7,24–30 – Ruben Zimmermann (Hrsg.), Die Wunder Jesu (2. Auflage, Band 1, Seite 316), Gütersloher Verlagshaus  |  5 Thomas Söding, Das Evangelium nach Markus, Herausgabe von Jens Herzer und Udo Schnelle, Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2022), 2: Seiten 209–211  |  6 Gerber Christine (2021), Es ist genug für alle da! (Die Heilung der Tochter der Syrophönizierin), Markus 7,24–30 – Ruben Zimmermann (Hrsg.), Die Wunder Jesu (2. Auflage, Band 1, Seite 316), Gütersloher Verlagshaus

 

Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom Juli 2026 | Text: Hans-Joachim Böhler, Pfarrer EGW in Sumiswald  |  Bild: pixabay