Rom, ca. 60 n. Chr. in der Unterkunft des Petrus
Eine ungewöhnlich kalte Sommernacht legte sich über Rom. Der Regen peitschte so heftig gegen die festen Mauern von Petrus’ Haus, dass es sich merklich abkühlte. Petrus stand auf, legte neue Holzscheite ins Ofenfeuer, als es an der Tür klopfte. Er seufzte tief: «Wer kann das sein? Auf Besuch habe ich heute keinen Bock mehr.» Missmutig öffnete er die Tür und blickte in ein Paar neugierige Augen.
«Hallo Quintus!» sagte die völlig unbekannte Person gespannt.
Petrus schüttelte verwirrt den Kopf. «Äh … nein. Ich muss sie leider enttäuschen. Hier wohnt kein Quintus.»
«Komisch. Er hat mir diese Adresse angegeben», entschuldigte sich der Unbekannte.
Petrus dachte schnell nach – dann kam ihm in den Sinn: «Ah du meinst sicher Quintus Alexander. Der wohnt schräg gegenüber.»
«Ja genau, zu dem will ich.» Der Fremde atmete dankbar auf und rannte schnell weiter durch den Regen.
Markus sass amüsiert am Tisch und meldete sich. «Du, Petrus – ich musste gerade innerlich grinsen. Verwechslungen und Gerüchte – bei Jesus trieben die Riesenblüten.»
«Oh ja – das kannst du laut sagen.» Petrus setzte sich zu Markus an den Tisch. «Diese eine Begebenheit darf in unserem Evangelium auf keinen Fall fehlen.»
«Du meinst die, als Jesus euch nach der Volksmeinung über ihn fragte?», hakte Markus nach.
Petrus nickte. «Ganz genau die! Wir waren damals in Cäsarea Philippi unterwegs. Kennst du, oder?»
«Natürlich!», antwortete Markus sofort. «Früher hiess die Stadt Paneas und war dem Hirtengott Pan geweiht. Dann kam Philippus, der Bruder von Herodes, baute sie zu seinem Regierungssitz um, gab ihr seinen Namen und liess sie dem Kaiser weihen. Cäsarea Philippi – was für einen Anfall von Arroganz.
«Oh, da fühlt sich einer getriggert», bemerkte Petrus.
«Hör auf», entgegnete Markus. «Dich hat die eingebildete Herodes-Familie genauso genervt. Doch das Heidentum dort – die vielen Tempel, die ausschweifenden Feste – allein der Gedanke daran widert mich an.»
«Ja, sagen wir mal so: Cäsarea Philippi ist ein geistlich spannender Ort. Und hier fragt Jesus nach der Meinung des Volkes», kam Petrus zurück auf die Begebenheit zu sprechen.
«Und was habt ihr geantwortet?», wollte Markus wissen.
«Naja – was die Leute so munkelten: Der Täufer, Elia oder ein Prophet wie Mose», antwortete Petrus.
Markus runzelte die Stirn. «Wie abstrus, dass Menschen dachten, Jesus sei der vom Tode auferstande Täufer. Die beiden trafen aufeinander und Jesus liess sich von ihm taufen! Und dann das Gerücht, er sei Elia … Dabei identifizierte Jesus den Täufer als Elia.»
«Du, mich wundert nichts mehr!», gab Petrus zu verstehen. «Immerhin hielten viele aus der Bevölkerung ihn als einen Propheten. Im Gegensatz zu manchen unserer Freunde von der Tora-Polizei.»
«Doch dann kam dein grosser Augenblick», erinnerte sich Markus.
Petrus antwortete ernüchtert. «Der hielt nur kurz; vom Messiasbekenner zum Agenten Satans in zwei Minuten. Weltrekord!»
«Tja, bei Jesus ist alles möglich», bemerkte Markus. «Aber wie ist es dazu gekommen?»
Petrus holte tief Luft. «Ich spreche das mit dem Messias aus, weil Jesus für uns eindeutig mehr war als ein Prophet wie Mose oder Jeremia. Und aus dem Nichts fängt er an von Leid und Ermordung zu sprechen. Hä – was soll das? Unsere Bewegung kommt gerade so richtig in Fahrt. Die Massen stehen weitgehend hinter uns und die paar neidischen Schriftgelehrten können uns doch nichts anhaben. Die reden viel, wenn der Tag lang ist. Auf jeden Fall konnte ich Jesu bizarren Worte nicht so stehen lassen.»
«Und deshalb hast du dem Meister die Leviten gelesen?», wollte Markus wissen.
«Ja, meine Impulskontrolle hat nicht so gut funktioniert», gab Petrus zu. «Aber Messias und Ermordung – so ein schräger Irrsinn. Tja, wir wussten es damals nicht besser.»
«Und dann kamen die Worte: hinter mich Satan», fügte Markus an.
«Bumm – der sass! Ja heftig, das so zu hören», sagte Petrus.
«Was wollte Jesus damit sagen?», fragte Markus nach.
«Na ja – ‹hinter mich› meint wohl, mich in meinen vorgesehen Platz als Schüler einzuordnen. Und Satan – damit meinte er nicht, ich sei der Teufel, sondern meine Gedanken seien teuflisch. Ich wollte ihn von Tod und Auferstehung zurückhalten und das hat mich zum Feind von Gottes Willen gemacht. Heute verstehe ich das! Dabei geht es um den Kern unseres Glaubens», erklärte Petrus.
«Ja, das ergibt Sinn», stimmte Markus zu. «Warte kurz. Mein Text ist gerade fertig.»
Jesus ging mit seinen Jüngern weiter in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er sie: «Für wen halten mich die Leute?» – «Manche halten dich für Johannes den Täufer», erwiderten sie, «manche für Elia und manche für einen der anderen Propheten.» – «Und ihr», fragte er, «für wen haltet ihr mich?» Petrus antwortete: «Du bist der Messias!» Daraufhin schärfte Jesus ihnen ein, niemand etwas davon zu sagen. Jesus kündigt zum ersten Mal sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung an. Jesus sprach mit seinen Jüngern zum ersten Mal darüber, dass der Menschensohn vieles erleiden müsse und von den Ältesten, den führenden Priestern und den Schriftgelehrten verworfen werde; er werde getötet werden und drei Tage danach auferstehen. Klar und offen redete er darüber. Da nahm Petrus ihn beiseite und versuchte mit aller Macht, ihn davon abzubringen. Aber Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies ihn scharf zurecht: «Geh weg von mir, Satan! Denn was du denkst, kommt nicht von Gott, sondern ist menschlich.» Markus 8,27-33
Petrus war begeistert. «Genial, Markus! Aus dieser Geschichte können die Menschen viel lernen. Viel zu leicht übernehmen wir ein einseitiges Bild von Gott. Jesus ist viel erhabener, als wir annehmen, aber er hat sich gleichzeitig viel tiefer erniedrigt, als wir denken können.»
Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom Juni 2026 | Martin Preisendanz - Redaktionsteam, Pfarrer EGW in Steffisburg
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