Du liest gerade einen Artikel über eine Geschichte von Jesus aus dem Markusevangelium. Soweit nichts Besonderes für einen regelmässigen Leser von wort+wärch. Doch der Stil und die Art dieses Artikels werden dich überraschen. Statt einer ausführlichen Bibelauslegung mit Predigtelementen erwartet dich ein erzählerischer Stil. Markus, der Autor, und Petrus, der Jünger Jesu und Augenzeuge, befinden sich in einem fiktiven Gespräch. Anders als Matthäus vor ihnen wollen sie ihr Evangelium ganz auf ihre römischen Mitbürger ausrichten. Rom soll mit dem Evangelium durchdrungen werden!
Aus der Luft gegriffen ist diese Idee nicht. Laut altkirchlicher Überlieferung gilt es als gesichert, dass der Jude Johannes Markus seinen Bericht über das Leben Jesu in Rom verfasste. Dabei bezog er sich auf die ausführliche Lehrtätigkeit von Petrus und ihre persönlichen Begegnungen. Das zuvor von Matthäus verfasste Evangelium war ihm bekannt und floss in seine Aufzeichnungen ein.
Bereit für eine Zeitreise der besonderen Art? Rom, ca. 60 n. Chr.
«Schön, dich bei uns zu Hause begrüssen zu dürfen.» Petrus umarmt seinen alten Freund Markus. Dabei blicken sich die beiden tief in die Augen. Markus denkt an die letzten Jahre zurück. Wie er Petrus zum ersten Mal predigen hörte und wie es ihn tief ins Herz traf. Wie Petrus ihn auswählte, um ihn auf einer Reise zu begleiten. An den Moment, als Petrus ihn wieder aufbaute, nachdem er in Perge die gemeinsame Reise mit Paulus und seinem Cousin Barnabas abrupt abgebrochen hatte. Und wie Petrus auf Paulus einwirkte und sich für ihn einsetzte. «Mensch Petrus, was wir zwei alles durchgemacht haben! Ich bin so dankbar, dich zu kennen», antwortete Markus auf den freundlichen Empfang seines Vorbilds. Sie setzten sich um den bereits gedeckten Tisch. Petrus' Frau liess es sich nicht nehmen, frische Oliven zu servieren. Markus trank einen Schluck vom frischen Quellwasser und kam gleich zur Sache.
«Petrus, ich habe eine Idee.» Die entschlossene Tonlage in Markus' Stimme gefiel Petrus, der ihn interessiert ansah. «Wir sollten die Geschichten von Jesus aufschreiben, und zwar aus deiner Sicht. Ich weiss, Matthäus hat bereits ein ganzes Buch über Jesus geschrieben. Aber ich glaube, es braucht noch eine weitere Perspektive. Denk zum Beispiel an einen normalen römischen Bürger. Dem müssen wir nicht die Verwandtschaftslinie von Abraham zu Jesus aufzeigen. Wir müssen auch nicht ständig erwähnen, dass sich mit dieser Begebenheit erfüllt hat, was in der Tora und den Schriften steht. Die kennen die jüdischen Schriften doch kaum. Sie wollen auch keine langen Predigten hören. Aber wenn wir ihnen Jesus aufzeigen – so wie du ihn erlebt hast. Ein Mann der Tat, der im Auftrag Gottes die Welt heilen soll. Das wäre doch was?»
Petrus klatschte zustimmend in die Hände. Markus' Worte fielen bei ihm auf offene Ohren. Er war sofort begeistert, und wer die beiden kennt, der weiss, dass sie keine Sekunde vergeudeten und sich sogleich ans Werk machten. Markus packte seine Wachstafel samt Griffel aus seinem Wanderrucksack. Er war parat.
Petrus begann: «Was mich an Jesus von Anfang an beeindruckte, war sein tiefes Mitgefühl für Menschen. Da konnte kommen, wer wollte, Jesus nahm sich Zeit. Ohne Berührungsängste. Einmal kam ein Mann mit Aussatz in unsere Nähe. Erst zögerlich, dann mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er schritt auf Jesus zu und fiel vor ihm auf die Knie. Verzweifelt flehte er ihn an. ‹Wenn du willst, kannst du mich gesund machen›. Ich weiss es noch genau, denn bisher hatte noch nie jemand solche Zuversicht gezeigt. Die meisten Menschen waren vollkommen überrascht, wenn Jesus sie heilte. Doch dieser Mann glaubte an die Heilungskraft Jesu. Jesus streckte seine Hand aus, berührte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken! Und der Aussatz war weg. Einfach so!»
«Alles weg?» unterbrach ihn Markus. «Keine Schwellungen und Schuppen mehr?»
«Ja, der arme Mann sah übelst entstellt aus», fuhr Petrus fort. «Das gesamte Gesicht übersät mit weissen Flecken und blutende Wunden an den Füssen. Und plötzlich eine Haut von der jede Frau träumt.»
«Krass!» erwiderte Markus. «Vom einen auf den anderen Moment zarte Babyhaut. Und wie habt ihr reagiert?»
«Da ist uns die Kinnlade heruntergefallen», erklärte Petrus. «Thomas musste dreimal kontrollierend hinschauen. Der Geheilte blickte ungläubig auf seine Hände und Beine. Sprachlos berührte er mit den Fingern seinen anderen Arm. Tränen schossen ihm in die Augen und er fiel ein zweites Mal vor Jesus auf die Knie. Pure Dankbarkeit. Wir waren alle sehr gerührt.»
«Meinst du, wir sollten die Krankheit noch etwas erklären? Zum Beispiel, dass die Erreger die Nervenbahnen langsam zerstören, dadurch die Gliedmassen taub werden und das Schmerzempfinden verschwindet. Kleine Wunden werden viel zu spät erkannt und führen im schlimmsten Fall zu Verstümmelungen.»
Petrus denkt nach. «Ich meine, das ist nicht nötig. Die Römer sind einigermassen medizinisch gebildet. Aber was wir unbedingt noch erwähnen sollten: Jesus hat dem Geheilten ausdrücklich verboten, anderen von der Heilung zu erzählen. Jesus ist ganz nah an ihn herangetreten und hat ihm eindringlich gesagt, dass er direkt zum Priester gehen, das vorgeschriebene Opfer bringen und dankbar weiterleben soll.»
Markus schüttelt den Kopf. «Ähh, das verstehe ich nun überhaupt nicht. Hast du eine Erklärung dafür?»
Petrus dachte nach. «Ich vermute, Jesus wollte die den Priestern in der Tora zugestandene Funktion respektieren. Die Priester haben medizinische Aufgaben, wie sie immer wieder stolz betonen. Gerade bei Krankheiten, die mit kultischer Unreinheit verbunden sind. Sie konnten die Unreinheit erklären und wieder zurücknehmen.»
«Stimmt.» Markus nickte bestätigend. «Und die Priester bekommen das Wunder mit, oder? Schlauer Schachzug von Jesus.»
Petrus grinst. «Jaja unser Jesus war ein schlauer Fuchs! Wobei ich mich gefragt habe, ob es Jesus noch um etwas anderes ging. In gewisser Weise misstraute er der Macht der Massen. Grosse Popularität war ihm nicht sonderlich dienlich, deshalb hat er sich davor geschützt, anstatt sie auszukosten.»
«Stimmt. Das sollten wir uns auch immer wieder vor Augen führen. Aber der Geheilte hat ihm diesen Gefallen nicht getan, oder?»
Petrus lächelte. «Der Typ? Völlig aus dem Häuschen. Posaunte überall herum: ‹Ich bin geheilt. Guckt mich an! Ich war der Aussätzige. Und jetzt geheilt von Jesus!› Nein, der konnte sich nicht bremsen und wir hatten den Salat. Als hätte Jesus noch mehr Werbung gebraucht. Es war, als ob eine Lawine ins Rollen gebracht wurde. Egal, in welches noch so kleine Örtchen wir kamen, die Menschen rannten uns entgegen. ‹Jesus ist da. Kommt alle›. Und selbst wenn wir früh morgens raus auf die Felder schlichen, war schnell Schluss mit ruhigem Unterricht.»
Markus konnte sich ein breites Grinsen nicht verbergen. «Ihr wart schon arme Jünger! Gut, ich glaube wir haben unsere erste Geschichte. Ich würde es so schreiben:
Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: «Wenn du willst, kannst du mich rein machen!» Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. «Ich will es», sagte er, «sei rein!» Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt. Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: «Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.» Der Mann ging weg, doch er fing sofort an, überall zu erzählen, wie er geheilt worden war. Bald war die Sache so bekannt, dass Jesus in keine Stadt mehr gehen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Er hielt sich daher ausserhalb der Ortschaften in unbewohnten Gegenden auf, aber auch dort kamen die Leute von überallher zu ihm.» Markus 1,40-45
Petrus: «Perfekt! Und jetzt essen wir erst einmal. Es duftet schon herrlich aus der Küche. Und danach geht’s weiter.»
Artikel in der Januar-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Martin Preisendanz - Redaktionsteam, Pfarrer EGW in Steffisburg | Bilder: Canva