Das relative Wahrheitsverständnis der Postmoderne

Samstag, 30. Mai 2026

 

 

 

 

Die sympathische Spielgruppenleiterin erzählt ihrem jungen, aufmerksamen Publikum die lustig illustrierte Geschichte einer Fledermaus. Diese hängt kopfüber am Baum und behauptet, der Regen falle ihr auf die Füsse, die Baumwurzeln seien oben und die Wolken unten. Die anderen Tiere widersprechen ihr und halten sie für verrückt, bis sie sich kopfüber neben die Fledermaus hängen und merken: «Aus ihrer Sicht ist es wirklich so!» und sich bei ihr entschuldigen. Fazit der Geschichte: Es ist doch dumm, sich darum zu streiten, was oben und unten ist, es ist einfach eine Frage der Perspektive!

Wahrheit in der Postmoderne

In der April-Ausgabe habe ich geschildert, wie sich das Wahrheitsverständnis im Laufe der Zeit geändert hat. Während in der Vormoderne Wahrheit hauptsächlich von Autoritäten definiert wurde, galt nach der Aufklärung nur noch als wahr, was man naturwissenschaftlich beweisen und rational begründen konnte.

Postmodern denkende Menschen spüren, dass es auch Transzendentes gibt. Sie haben zudem ein feines Gespür für Individualität und Vielfalt. Das wissenschaftliche Modell ist ihnen zu starr. Sie kommen zu einer neuen Schlussfolgerung: Wir nehmen unsere Umwelt ja mit unseren Sinnen wahr. Wenn nun Wahrheit auf unserer Wahrnehmung basiert und Wahrnehmung ja subjektiv ist, (wir empfinden beispielsweise warm/kalt, schön/unästhetisch etc. nicht alle gleich), kann Wahrheit nur subjektiv sein. Eben alles eine Frage der Perspektive. Wenn man in diesen Topf noch eine grosse Portion Toleranz dazugibt – also die Freiheit, dass jeder seine eigene Wahrheit haben darf – sollte daraus endlich der ersehnte Frieden resultieren. Jeder darf sich seine Wahrheit nach eigenem Gutdünken aufbauen und keiner wird dafür verurteilt. Das ist redlich gemeint. Und logisch, dass daraus der Schluss folgt, dass absolute Wahrheitsansprüche rückständig und streitverursachend sind.

Wahrheitsverständnis in der Postmoderne

Gott liebt offensichtlich Vielfalt und hat jeden Menschen einzigartig geschaffen; das ist richtig. Unterschiedlichkeit anzuerkennen, auch in unserer Wahrnehmung von Gott (dem einen ist Gott als Vater ganz nah, dem anderen als Lehrer, jemandem ist Gottes Gnade besonders wichtig, jemand anderem seine Gerechtigkeit) oder der Vorliebe für verschiedene Gottesdienstformen, müsste uns als Christen nicht schwerfallen.

Problematisch wird es, wenn alles Absolute abgelehnt und keine Fixpunkte mehr akzeptiert werden. Denn dann gibt es auch in moralischen Fragen keine Anhaltspunkte, dann gibt es kein Gut und kein Böse, kein Richtig und kein Falsch mehr. Kinderpornografie? Sexsklaverei? Femizid? Bestimmt haben Leute, die das tun, individuelle Bedürfnisse und für sich schlüssige Gründe dazu. Das ist halt ihre Wahrheit. Was als Befreiung vom «Tyrann Wahrheit» gedacht war, endet in Chaos und Verwirrung. Diese Schlussfolgerung, das Zu-Ende-Denken dieser Ansicht, sollte reichen, um sich ein Urteil darüber zu bilden, ob die Abschaffung der Wahrheit Sinn macht oder nicht. Wer logisch denkt, muss auch feststellen, dass die Aussage «es gibt keine absolute Wahrheit» eine absolute Aussage ist. Sie widerlegt sich selbst, ist also ein klassischer Schwanzbeisser.

Jesus wagt, von sich selber zu behaupten, die Wahrheit zu sein und zudem der einzige Weg zu Gott Vater (Johannes 14,6). Jesu Worte und Taten, sein ganzes Sein, sind der Fixpunkt. An ihm misst sich Gut und Böse, richtig oder falsch. Und das generell, für alle Menschen zu aller Zeit und an jedem Ort. Und das Beste ist: Gottes Wahrheit führt zu echter Freiheit, zu Liebe, zum guten Leben. «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen», sagt Jesus in Johannes 8,32. Warum? Weil Gott als Schöpfer und König des Universums weiss, wo es lang geht zum echt Guten!

Bin ich intolerant, wenn ich das glaube? Nein! Denn tolerieren (vom lat. «tolerare») bedeutet nicht etwa «gutheissen», sondern «erdulden». Ich kann durchaus offen und freundlich zu meiner Nachbarin sein, ohne den Buddha in ihrem Wohnzimmer gut zu finden.

Postmodernes Denken und christliche Erziehung

Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern den Unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Wahrheit früh erklären. Es ist gut möglich, dass Teenager unseren Erzählungen aus der Bibel durchaus wohlwollend zuhören, aber bei allen Aussagen ein stummes «für dich» hinzufügen. Sie haben keine Mühe, den Glauben ihrer Eltern zu akzeptieren, sehen das aber als den richtigen Weg für ihre Eltern an, nicht für sich. Das dürfen sie auch. Sie sollten aber wissen, dass Jesu Aussagen universalgültig sind und auch dann eintreffen, wenn man ihm keine Beachtung schenkt.

Wir können schon jungen Kindern im Alltag immer mal wieder Fragen stellen wie: ist das eine subjektive oder objektive Aussage? Oder: gilt das für alle oder nur für manche? Zum Beispiel wenn es ums Essen oder ums Wetter geht. Dann können wir solche Fragen auch in Bezug auf biblische Aussagen stellen: Gilt es für alle, dass sie nur durch Jesus zu Gott kommen? Sollten alle ihr ganzes Geld verschenken wie der reiche Jüngling? Welche Aussagen zu Geld gelten für alle?

Auch das eingangs erwähnte Bilderbuch eignet sich gut als Diskussionsgrundlage. Stimmt es, dass es der Fledermaus auf die Füsse regnet? Natürlich! Stimmt es, dass Wurzeln oben und Wolken unten sind? Nein! Denn wo oben und unten ist, wird nicht durch unsere Sicht, sondern durch die Schwerkraft definiert und die ist fix, für alle und überall. Fazit: Es gibt Dinge, die in Wirklichkeit anders sind, als es aus unserer Perspektive aussieht oder sich anfühlt. Wie könnten sich nun die anderen Tiere verhalten? Sie müssen weder streiten noch spotten, könnten die Fledermaus aber liebevoll darauf hinweisen, dass es Tatsachen gibt, die sich nicht so einfach aus persönlichen Gründen umkehren lassen.

Buch zum Thema

Daraus entnehme ich etliche Grundlagen für diese Apologetik-für-Kinder-Serie.

Bärenstark
Hillary Morgan Ferrer
ISBN: 9783863538361

Bericht ist in der Juni-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Text: Gabi Jacobi, Kinder & Familien im EGW | Bilder: zVg, Canva