Rom, ca. 60 n. Chr. in der Unterkunft des Petrus
«Du kannst deinen Griffel ruhig in der Hand behalten», sagte Petrus zu Markus. «Sechs Tage später ging es weiter – und wie!»
«Zu Befehl, mein Freund! Ich bin ganz Ohr.» Markus führte seinen Griffel zur Wachstafel, sofort bereit zu schreiben. «Sechs Tage, sagtest du. Hat das irgendeine Bedeutung?»
«Warte ab, Bruder», sagte Petrus. «Jesus kam zu Jakobus, Johannes und mir, nahm uns beiseite und forderte uns auf ihm, zu folgen. Das machten wir natürlich, als artige Schüler.»
«Artige Schüler – dass ich nicht lache», konnte sich Markus nicht verkneifen zu sagen.
«Lenk nicht ab! Und ausserdem musst du es ja nicht aufschreiben», bemerkte Petrus schnippisch. «Wir laufen ihm – ich betone – artig hinterher. Über einen staubigen Feldweg ging es steil den Hügel hinauf. Puh, das war anstrengend. Aber oben angekommen – eine atemberaubende Rundumsicht. Herrlich!»
«Ich bin beeindruckt», sagte Markus ironisch. «Ich notiere: ‹Petrus stieg zusammen mit Johannes, Jakobus und Jesus auf einen hohen Berg.›» Diese Infor-
mation musste die Nachwelt unbedingt wissen.
Petrus grinste. «Hey, wie bist du denn drauf? Aber warte ab, du wirst dich noch wundern – es wird ziemlich krass! Wir standen also dort oben ganz allein und schauten umher … als sich Jesus vor unseren Augen verwandelte.»
«Okay, jetzt wird es wirklich spannend», gab Markus zu. «Wie muss ich mir das vorstellen?»
«Seine braunen Kleider wurden auf einmal ganz weiss. Sie leuchteten so hell, wie ich es noch bei keinem Bleicher gesehen habe. Wir wurden gar geblendet von der Helligkeit», antwortete Petrus.
«Komisch.» Markus war überrascht.
Petrus nickte. «Wir starrten uns verdutzt an. Aber ja, wir sahen alle dasselbe. Es konnte keine Halluzination sein. Doch was sollte das? Keinen blassen Schimmer, was hier abging.»
«Natürlich nicht», gab Markus verständnisvoll zu verstehen und dachte laut weiter. «Warte, irgendwie erinnert mich das an Mose und Elia. Oder täusche ich mich? Ihnen ist Gott doch auch auf einem Berg begegnet. Bei Mose leuchtete das Gesicht und so. Und war Mose nicht sechs Tage auf dem Berg? Die Zahl sechs hatten wir doch schon einmal.»
Petrus pflichtete ihm beeindruckt bei. «Gut kombiniert – alle Achtung.»
«Aber wie funktioniert das mit der Verwandlung? Ich komme noch nicht ganz mit», gab Markus zu.
«Wahrscheinlich wie beim Schmetterling: aus einer hässlichen Puppe wird zack ein wunderschöner Falter», überlegte Petrus.
«Metamorphose», murmelte Markus staunend.
«Und damit nicht genug, mein Freund!», sagte Petrus. «Jetzt kommts: Mose und Elia sind uns erschienen. Bämm – plötzlich waren sie da. Lebendig. Und haben ganz normal mit Jesus gequatscht, so als wären sie gute Bekannte.»
Markus schaute Petrus tief in die Augen. «Petrus – bist du dir hundert Prozent sicher, dass das so passiert ist? Also, ich schreibe es gerne auf, aber wundere dich nicht, wenn dich unsere römischen Kollegen als frommen Spinner abtun.»
Petrus war ruhig. «Ich weiss, es klingt unwirklich, aber es ist genauso geschehen. Johannes und Jakobus erzählen dir nichts anderes. Wir standen starr vor Entsetzen da. Ich habe Jakobus noch nie so bleich im Gesicht gesehen. Aus Unsicherheit habe ich dann das Wort ergriffen.»
«Und was hast du gesagt?», wollte Markus wissen.
Petrus antwortete: «Ja, Rabbi, gut, dass du uns hierhergeführt hast. Wir sollten drei Häuser bauen – eines für dich, eines für Mose und eines für Elia.»
«Was Häuser bauen – sorry, ich kapier nichts», sagte Markus offen.
«Ja keine Ahnung. Ich verstehe es selbst nicht. Und plötzlich erschien eine Wolke und wir standen im Schatten. Und dann – ich höre den Klang noch heute in meinen Ohren – eine herrliche Stimme aus der Wolke: ‹Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn hört.›»
«Und dann?», Markus runzelte die Stirn.
«Wir schauten uns verwundert an. Doch dann war alles weg – die Wolke, Elia, Mose – auf einmal weg. Und Jesus – er stand in seinen Wanderkleidern da, bereit aufzubrechen.»
«Und dann ging es wieder abwärts?»
«Ja, und dabei schaute uns Jesus tief in die Augen und mahnte uns, niemandem davon zu erzählen,» berichtete Petrus.
Markus wandte entsetzt ein: «Aber Petrus, daran hältst du dich gerade nicht!»
«Entspann dich, Markus», beruhigte Petrus ihn. «Lass mich ausreden. Wir sollten schweigen, bis er von den Toten auferstanden ist.»
«Ah, ich verstehe. Dann ist ja alles klar gewesen», meinte Markus sichtlich erleichtert.
«Von wegen. Die Aussagen zur Auferstehung der Toten haben uns total verwirrt. Klar, Elia kommt am Ende der Zeit wieder, und ja, am Ende kommt die Auferstehung aller Menschen zum Gericht. Aber nun spricht er von sich als Menschensohn, der auch irgendwie auferstehen muss», sagte Petrus.
«Verstehe ich. Er konnte ja nicht der auferstandene Elia sein, das war bereits der Täufer», meinte Markus.
«Ja, wir haben ihn danach gefragt, und das hat er bestätigt», sagte Petrus. «So, jetzt ist genug geredet. Zeit für dich, alles aufzuschreiben.»
«Du hast recht.» Markus machte sich ans Werk.
«Wie hört sich das an: Sechs Tage später nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit sich und stieg mit ihnen auf einen hohen Berg, wo sie ganz allein waren. Dort veränderte sich vor ihren Augen sein Aussehen. Seine Kleider begannen leuchtend weiss zu glänzen, so hell, wie es kein Färber auf der ganzen Erde hätte machen können. Dann erschienen Elia und Mose vor ihnen; die beiden redeten mit Jesus. Da ergriff Petrus das Wort. ‹Rabbi›, sagte er zu Jesus, ‹wie gut ist es, dass wir hier sind! Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.› Petrus wusste nämlich nicht, was er sagen sollte, so erschrocken waren er und die beiden anderen Jünger. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke sprach eine Stimme: ‹Dies ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören!› Und als sie um sich schauten, sahen sie auf einmal niemand mehr ausser Jesus; er allein war noch bei ihnen. Während sie den Berg hinunterstiegen, schärfte Jesus den drei Jüngern ein, niemand zu erzählen, was sie erlebt hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Diese Bemerkung Jesu liess sie nicht mehr los, und sie überlegten miteinander, was er wohl gemeint hatte, als er von der Auferstehung von den Toten sprach. Schliesslich fragten sie Jesus: ‹Warum sagen die Schriftgelehrten, dass zuerst Elia kommen muss?› Jesus erwiderte: ‹Es stimmt, zuerst kommt Elia und stellt alles wieder her. Doch wieso heisst es in der Schrift, dass der Menschensohn vieles erleiden muss und von den Menschen verachtet sein wird? Ich sage euch aber: Elia ist bereits gekommen, und sie haben mit ihm gemacht, was sie wollten; so steht es ja auch über ihn in der Schrift.›» Markus 9,2-13
«Petrus strahlte zufrieden. «Gute Arbeit, Bruder! Auf ihn hört – mögen sich viele an den Befehl der Stimme auf dem Berg halten. Jetzt ist es Zeit für eine besondere Flasche Wein.» Er stand auf und ging vergnügt in die Speisekammer.
Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom Oktober 2026 | Martin Preisendanz - Redaktionsteam, Pfarrer EGW in Steffisburg
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