Von der Raupe zum Schmetterling

Was hat zu geschehen, damit Menschen aus dem Potenzial, das Gott in sie gelegt hat, schöpfen können? Welche Rolle spielen dabei Grenzen?

An der EGW-Mitarbeitendenkonferenz, die vom 7. bis 9. Mai in Wilderswil stattfand, sprach die Theologin und Autorin Debora Sommer anhand des Wegs der Raupe zum Schmetterling über den Umgang mit Grenzen. Welche Grenzen sind zu akzeptieren bzw. zu setzen, welche auszuweiten oder zu sprengen?

Sommer stellte die Entstehung des Schmetterlings aus der Raupe durch Verpuppung vor Augen und übertrug sie aufs geistliche Leben. Sie sprach von der „Kokon-Phase“, in der sich die Raupe wandelt. In ihr bestehende Gene ermöglichen die Entstehung des Schmetterlings. „In meinem Raupenstadium habe ich verschiedene Wachstums- und Häutungsprozesse erlebt.“

Schmerzhafte Verwandlung
Debora Sommer machte kein Hehl aus den Schmerzen, die mit der unumkehrbaren Meta-Morphose (Wandel der Gestalt, Römer 12,2, 2. Korinther 3,18) verbunden sein können. Mit Schmetterlings-Bildern verdeutlichte sie die Schönheit dessen, was entsteht, wenn Christus Menschen, die sich ihm hinhalten, verändert. „Verwandlung ist Gottes Wunsch für unser Leben.“

Im ersten Vortrag ging die Referentin aufs Raupenstadium ein. Sie zeigte, wie die Raupe auf ihrer Futterpflanze frisst, was das Zeug hält, wächst und „Kräfte sammelt, damit später ein gesunder Schmetterling aus ihr wird“. Innert zweier Wochen vertausendfachen manche Raupen ihr Gewicht! Mehrere Häutungen sind fürs Wachstum notwendig. Debora Sommer leitete daraus ab, dass Christen auf ihre geistige Nahrung achten und das grosse Ganze im Blick behalten sollen.

Grenzen sind nicht gleich
Die Autorin eines Schmetterlings-Buchs unterschied in dem Zusammenhang natürliche, schützende, dehnbare und unüberwindliche Grenzen. Letztere können allein durch göttliches Eingreifen überwunden werden. Als Fragen formulierte Sommer: „Welche Grenzen soll ich respektieren? Welche möchte Jesus gesprengt haben? Welche Grenze versperrt die Sicht auf Dimensionen, die Gott zeigen möchte? Wie ist eine Grenzsituation einzuschätzen? Wie will Gott daran wirken?“

Die Raupe ist nicht dazu bestimmt, eine Raupe zu bleiben – sie soll ein Schmetterling werden und fliegen. „Gott möchte uns aus dem begrenzten Denkrahmen herausholen“, sagte Debora Sommer. Dafür muss sie die Kokon-Phase durchlaufen. Bei der Verpuppung löst sich der bisherige Körper auf und in einer „Zellsuppe“ bilden andere, zuvor inaktive Zellen auf wunderbare Weise die neue Gestalt des Schmetterlings.

Schmerzhaft
Zur Verpuppung schilderte Debora Sommer eigene schmerzliche Erfahrungen und Krisenzeiten. 2013 erlitt sie einen Bandscheibenvorfall. Plötzlich war ihr linkes Bein gelähmt. Seit einer Operation leidet sie unter chronischen Schmerzen. Die Puppe lehrt uns, so die Referentin: „Gib nicht auf, wenn es dunkel ist, sondern vertrau dem göttlichen Bauplan.“ Die Raupe hängt sich in einen Faden – wir sind gehalten vom lebendigen Gott! Weiter: „Schaffe Raum für Veränderung – und wähle das Leben!“

Im Kampf zwischen Alt und Neu haben sich Christen immer neu fürs Leben zu entscheiden. Das schliesst ein, dass Christen ihre Denk- oder Verhaltensmuster ändern. „Wie häufig begegnen wir Menschen, die stabil scheinen – doch unter der Oberfläche löst sich Leben auf.“ Wer solche Themen anspreche, könne anderen helfen, Auflösung zuzulassen und Veränderung anzustreben.

Grenzen sprengen
Die Schönheit von scheinbar schwerelosen Schmetterlingen motiviert, Grenzen zu sprengen. Debora Sommer rief die Mitarbeitenden des EGW auf, sich mit aller Kraft nach Gottes neumachender Kraft auszustrecken – wie kleine Kinder, die sich so strecken, wie sie können, wenn sie gefragt werden, wie gross sie sind. „Gott fragt immer wieder neu: Wie gross willst du sein?“ Geht es darum, um Frieden zu ringen, vorerst Geduld zu üben – oder Grösseres zu erwarten? Der Schmetterling macht Mut, die (Raupen-)Vergangenheit zu bejahen – und zugleich für einen Durchbruch zu kämpfen. Verwandlung ist Geschenk und Auftrag.