Migration am TDS Aarau

«In jeder Generation sollen wir uns betrachten, als wären wir selbst aus Ägypten ausgezogen. Es genügt nicht, dass unsere Vorfahren freie Menschen wurden, zu jeder Zeit muss jeder Mensch selber an seiner Freiheit arbeiten. Wenn ich ‘mein Land’ erreichen will, so muss ich selber aufbrechen.» Mit diesem Zitat aus der jüdischen Passafeier eröffnete Felix Studer, Konrektor des TDS Aarau, die Projekttage.

An den Projekttagen der Höheren Fachschule Kirche und Soziales drehten sich Referate, Workshops und Begegnungen um den Umgang mit «dem Fremden», das (innerliche und äusserliche) Aufbrechen, Identität, Kultur und Heimat. Im Einstiegsseminar fokussierte der Theologe Matthias Wenk auf die Angst rund um das Thema Migration, denn «die Kirche hat die Ressource, diesem grundlegenden Problem zu begegnen».

Dabei skizzierte Wenk zwei Dimensionen der Angst. Erstens: die Angst, zu kurz zu kommen («Zunahme der Bevölkerung durch Migration fordert Arbeitsplätze, Sozialleistungen und Kitaplätze»). Zweitens: das Fremde werde als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen, weil es diese in Frage stellt. Ängste in Zusammenhang mit Migration müssen auf jeden Fall ernst genommen werden. «Aber welche Ressourcen gibt uns die Theologie, ihnen konstruktiv zu begegnen?» fragte Wenk.

Abendmahl und Pfingstfest
«Das Abendmahl verkörpert die versöhnte Gemeinschaft, welche durch Gottes Grosszügigkeit möglich wird: Das Gegenüber ist nicht mehr Bedrohung im Kampf um mangelnde Ressourcen, sondern mit mir zusammen Gast an Gottes Tisch und geniesst die Früchte der Schöpfung Gottes, welche von Menschen weiterverarbeitet wurden.» Matthias Wenk rief dazu auf, das Zusammenleben mit Menschen aus fremden Kulturen konstruktiv zu gestalten: als ein «Miteinander am Tisch Gottes».

Der Pfingstbericht nach dem Lukasevangelium verdeutlicht laut Wenk, dass das Wirken des heiligen Geistes ethnische Eigenidentität nicht einfach auflöst noch konfrontiert, sondern immer bestätigt und dennoch verbindend wirkt. Dieses Verständnis trage wesentlich dazu bei, die Angst vor dem Verlust der Eigenidentität zu überwinden: «Das Gegenüber ist zwar anders und bleibt teilweise immer fremd, aber es ist keine Bedrohung der eigenen Identität mehr.»

In der ans Referat anschliessenden Gruppendiskussion wurden die Studierenden aufgefordert, ein Abendmahlsritual unter Einbezug der eben gehörten Bedeutung zu skizzieren. «Wir könnten das Abendmahl auf der Strasse feiern und spontan Leute dazu einladen!» So ein Vorschlag eines Studenten.

Hierarchie der Kulturen hinterfragen
Boris Eichenberger ist Leiter der Vineyard Aarau und aktiver Mitgestalter einer interkulturellen Kirche. In seinem Referat forderte er die Zuhörenden auf, den Blick auf fremde Kulturen zu hinterfragen: «Haben wir das Gefühl, Gott fühle sich in unserer Kultur mehr zu Hause, nur weil wir ihn in der Präambel unserer Verfassung erwähnen?»

Eichenberger gab zu bedenken, dass jede Kultur etwas von Gottes Grösse und Herrlichkeit widerspiegle, und zitierte dazu Amos 9,5–7: «Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir?» Gott sei in jeder Kultur am Wirken, auch in Völkern, die ihm den Rücken zukehrten.

Eichenberger sieht in der Kirche ein grosses Potential zur Integration von Migrantinnen und Migranten, denn «die monokulturelle Kirche ist keine Kirche im Stil des Reichs Gottes», auch wenn er das Bedürfnis nach Geborgenheit in einer «Heimatgemeinde» der eigenen Kultur versteht.

Migranten und Migrantinnen sollten auch in der Gemeindeleitung der Schweizer Gemeinde aktiv integriert werden und Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Hauptgottesdienste. Dem Referat lag die Einladung zugrunde, die «Schönheit des Reichs Gottes ausserhalb unserer Kultur wahrzunehmen».

Workshops und Begegnungen
Im Studium am TDS Aarau wird auf Persönlichkeitsentwicklung ebenso Wert gelegt wie auf fachliche Kompetenz. Zum Workshop «Interreligiöse Feiern und Gebetstreffen: Was sagen wir dazu? Wie verhalten wir uns?» machte TDS-Rektor Christoph Schwarz erst eine Auslegeordnung. Danach wurde – zum Teil kontrovers – diskutiert: «Wie weit würdest du gehen?»

Die Studierenden befassten sich mit offiziellen Stellungnahmen und suchten anschliessend einen eigenen Standpunkt. «Ich würde meine Schuhe beim Besuch einer Moschee nicht ausziehen», meinte eine Studentin. «Ich würde das tun, und zwar aus Respekt den Gläubigen gegenüber», entgegnete ein Student.

Weiter auf dem Programm standen Begegnungen mit Migranten. Studierende bereiteten Fragen vor und stellten diese anschliessed einer Christin aus Syrien, zwei Muslimen aus dem Irak, die in der Region wohnen, zwei Flüchtlingen, die von Boris Eichenberger begleitet wurden, und Yonas Tseggai, der vor 30 Jahren aus Eritrea floh und am TDS Aarau angestellt ist.

Eine Begegnung der besonderen Art hatten Vollzeitstudierende des TDS Aarau mit 50 UMAs (unbegleitete Minderjährige Asylsuchende) aus einem Aarauer Schulprojekt. Sie verbrachten einige Stunden mit Essen, Spielen und Workshops mit ihnen.

Autor: Matthias Ackermann, Öffentlichkeitsarbeit TDS Aarau, Bearbeitung: EGW