Kirchen im Lockdown

Die Kirchen haben sich ins Verordnete gefügt. Viele Gemeinden reagierten kreativ auf die Verbote, um den Menschen zu dienen. Bei der Lockerung der Massnahmen hat der Bundesrat die Kirchen bisher nicht berücksichtigt. Das Versammlungsverbot, das sie schwer trifft, bleibt bis 8. Juni in Kraft – obwohl Schutzkonzepte vorliegen.

Kirche ist nahe bei den Menschen – sogar wenn Gottesdienste und andere Versammlungen ausfallen müssen. Live-Streams und Podcasts, auch tägliche Besinnungen vermitteln Trost und biblische Weisung. Für Senioren wird eingekauft. Der Pfarrer kommt zur Haustür. Die Betagten werden telefonisch kontaktiert. Die Gemeinde sucht den Bedürftigen zu helfen. Für Notleidende wird gebetet, interkontinentale Solidarität mit Kollekten ausgedrückt.

Die Kantonalkirchen gaben den Rahmen vor: Sie betonten unisono, dass die staatlichen Massnahmen umfassend einzuhalten seien. Im Internet verweisen sie auf Seelsorge- und Hilfsangebote. Und sonst? Die Basler Kirche hebt sich ab: Auf ihrer Website halten Pfarrerinnen und Pfarrer tägliche Kurzbesinnungen. Vielstimmig sind sie miteinander präsent als Zeitgenossen, als Bibelausleger und Seelsorger.

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn stellten im März eine detaillierte „Hilfestellung für die Kirchgemeinden“ ins Netz und aktualisierten das Dokument fortlaufend. Auf der Website ist inzwischen von jedem der sieben Synodalräte ein seelsorgliches „Wort auf den Weg“ zu finden. Zudem hat der Theologiebeauftragte Matthias Zeindler im März einen Essay verfasst: „Was hat Gott mit dem Corona-Virus zu tun?“

Soziologen als Deuter
Der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg machte es sich einfach: Die Pandemie sei „kein Fingerzeig Gottes“, schrieb er in einem Beitrag für die Zeitung reformiert. (kantonale Ausgabe). In der Gesamtausgabe (sämann) lässt die Redaktion Soziologen die Krise kommentieren. Hartmut Rosa überlegt, was es fürs Zusammenleben bedeutet, wenn der andere «eine mögliche Bedrohung» wird. Er reflektiert über «unfreiwillige Entschleunigung» und Generationen-Solidarität. Und meint, das «Bedürfnis nach einem Gefühl für eine Verbindung mit dem ‹Umgreifenden›» nehme zu.

Auf der letzten Seite des Blattes sagt Daniel Koch vom BAG, zu seinem Glauben gefragt, christliche Werte prägten ihn bis heute. «Aber die Religion und der Glaube sind für mich weit weg.» Diese Einstellung scheint den gesamten Umgang mit dem Corona-Virus auf nationaler Ebene zu bestimmen. Er ist areligiös. Dass der Staat von A bis Z im säkularen Horizont handelt, ist verständlich. Doch stellen sich schwierige Fragen, auch für die Kirchen, umso mehr als er zum Notrecht gegriffen hat, zum «neuen Notstands-Staat» geworden ist.

In der NZZ vom 25. März bemerkte Hans-Ulrich Gumbrecht unter diesem Titel, dass «religiös getönte Reaktionen bisher im Hintergrund geblieben» sind. Wissenschaftler genössen weiterhin Vertrauen, obwohl sie keine klare Orientierung lieferten. Dies zeige, «wie Wissenschaft als abgehobene Autorität während der vergangenen Jahrzehnte die Religion ersetzt hat».

Fragen und Antworten, die weiter tragen
Die reformierten Kirchenleitungen – so staatstreu und verantwortungsbewusst sie auch sind – sind auch gefordert, den Trend zur Selbstsäkularisierung zu hinterfragen. Zu Recht fügen sie sich ein in die Anstrengungen des Staates, tragen das aktuelle Ringen um den Schutz der Gefährdeten mit. Doch es muss ihnen um viel mehr gehen als um die säkularen Ziele. Kirche gewinnt ihre Relevanz dadurch, dass sie auf die Ängste und Sorgen der Menschen weiter tragende Antworten gibt als Psychologen und Soziologen, dass sie andere Horizonte öffnet.

Matthias Zeindler führt 1. Petrus 3,15 an: Durch Sprachlosigkeit würde die Kirche den Eindruck erwecken, „dass die christliche Botschaft in einer so schwierigen Situation irrelevant ist“. So greift er tiefergehende Fragen auf, auch zu „Grenze und Hoffnung des Vorsehungsglaubens“. Und betont: „Ein Gott, der das Gute will für das Geschaffene, tut alles dafür, dass auch aus Leiden und Zerstörung wieder lebenswertes Leben entsteht.“  

Geistliche Schätze
Auch wenn die drängenden Fragen der Menschen nicht einfach beantwortet werden können: Die geistlichen Schätze der Bibel und der eigenen Geschichte sind den Kirchen anvertraut, um in der Krise Trost und Gewissheit zu vermitteln und Menschen im Vertrauen auf Gott aufzurichten.

Websites mit Gebeten sind hilfreich. Doch der kirchliche Auftrag schliesst leibhaftige, seelsorgliche Begegnung ein. Und Versammlungen. Kirche lebt in Gottesdiensten mit gemeinsamem Lobpreis, Verkündigung und Fürbitte – Glaubende face to face, in einem Raum miteinander vor dem Ewigen.

Konzept für Abstand und Hygiene im Gottesdienst
Die im VFG zusammengeschlossenen Freikirchen und Gemeinschaften erstellten mit der Schweizerischen Evangelischen Allianz im April ein Schutz- und Hygienekonzept für Gottesdienste. Doch vom Bundesrat kam bis dato (11. Mai) kein Signal, dass das Versammlungsverbot vor dem 8. Juni gelockert wird. Dies obwohl der VFG-Präsident Peter Schneeberger betonte, die Kirchen seien „in Krisen systemrelevant und beim Überleben von schwierigen Zeiten notwendig“.

Auch die Landeskirchen erarbeiteten unter der Ägide der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) ein Konzept (Version der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn). Die EKS hält eingangs fest, dies geschehe «nicht in der Absicht, von nun an das Eigeninteresse ins Zentrum ihres Wirkens zu stellen, und schon gar nicht mit der Intention, gegenüber den Behörden eine möglichst baldige Öffnung des Veranstaltungsverbots für Gottesdienste zu erwirken»!

Prophetisch wachen
Das prophetische Wächteramt, das die Reformierten für sich reklamieren: was bedeutet es in Corona-Zeiten? Reissen die reformierten Landeskirchen den von anderen festgehämmerten innerweltlichen Horizont auf, um Ewigkeits-Luft einzulassen? Was tun die Kirchen gemeinsam – über Glocken, Kerzen und Abendgebet hinaus – in der Öffentlichkeit, gegenüber dem Staat, der seine Macht ausspielt, gegenüber den Wissenschaften, denen umfassende Deutungsmacht zugestanden wird?