• Was ist fester Glaube?
    Stüdi und ihre $chwägerin Elise
  • Träume von einer besseren Zukunft
    Sämu und Käthi und die Dienste (rechts)

Irre Frömmigkeit: «Schwarmgeist» auf der Moosegg

Simon Burkhalter, der seit auf der Moosegg 2017 Regie führt, hat für diesen Sommer das Drama „Schwarmgeist“ von Simon Gfeller umgeschrieben.

Es ist den Verantwortlichen auf der Moosegg hoch anzurechnen, dass sie auch sperrige Stücke aus dem Emmental bringen. "Schwarmgeist" spielt im Kriegsjahr 1916. Ueli Reist wird eingezogen, muss an die Grenze. Seine Frau Stüdi bleibt mit ihren zwei kleinen Kindern, Uelis älterer Schwester Elise, Knecht und Magd auf dem Emmentaler Bauernhof zurück.

Elise ist tiefgläubig und eine Beterin; sie besucht Versammlungen und hat bedeutungsschwere Träume. Es liegt nahe, dass Stüdi sich in der Überforderung zunehmend auf sie stützt und sich einlässt auf Elises Zuversicht, Gott werde ihr beistehen, wenn sie denn ganz auf ihn vertraue.

Der siebenjährige Sämu wird krank. Die Nachbarin, Knecht und Magd wollen den Arzt holen. Stüdi lässt sich von Elise bestimmen, welche unbeirrbar daran festhält, Gott habe eine Prüfung gesandt und werde die Sache zum Guten wenden. Es kommt anders.

Vom Leben gezeichnete Frauen
Für die Dramatik im Stück, das etwas flach beginnt, sorgen die Frauen: Sarah Luisa Iseli als Stüdi, hin- und hergerissen zwischen den Stimmen des geerdeten Menschenverstands, der Nachbarin Käthi (Danièle Themis) und der Magd Stine (Leah Lisa Leuenberger), und der engstirnigen Frömmigkeit von Elise (eindringlich: Käthi Schaffer-Gutknecht). „Solang uf mi losisch, passiert nüt, wo ned söll – kes Ugfell“, versichert sie Stüdi.

Während der Liebhaber Stine eine Zukunft als Meisterfrau auf der Ranch in Amerika vorgaukelt, klagt die lebensfrohe Käthi unvermittelt ihren Schmerz über den Verlust des einzigen Kindes – als läge er nicht 16 Jahre, sondern erst Monate zurück –, und aus der verwitweten Elise bricht die Trauer über vier Aborte hervor.

Gott gegen die Medizin
Doch nur einmal gibt Elise dem Zweifel Raum an dem, was sie starken Glauben nennt: der Überzeugung, dass Gott alles in der Hand hat und man in „Prüfungen“ zuwarten, ihn handeln lassen muss. So schlägt sie dem Arzt die Tür vor der Nase zu: „Mir hei ke Tokter nötig – Gott wird üs hälfe.“ (Dass in jenen Antibiotika-losen Jahrzehnten chirurgische Eingriffe ein anderes Risiko darstellten, ist immerhin mitzubedenken.)

Gegen die fromme Tyrannin kommt Käthi („Mir läbe nid fürs Bätte – mir bätte fürs Läbe“) nicht an, auch nicht mit dem Verweis auf Kräuter und medizinische Kunst, die Gott doch den Menschen gegeben habe.

Das Ringen der Frauen um den kranken Sämu treibt der Regisseur in seiner Bühnenfassung auf die Spitze: Während Elise Gott anfleht, er möge eingreifen und seine Macht beweisen, verzweifelt die Mutter. „Mördere!“ schreit sie endlich Elise an. Deren Einsicht kommt zu spät. Dem aus dem Dienst heimgekehrten Ueli bleibt nur noch die Klage, dass Glaube und menschliche Tatkraft nicht nebeneinander Platz haben.

Das Drama ohne Wunder – Simon Gfeller soll darin ein tatsächliches Geschehen verarbeitet haben – drängt zu überlegen, an welchem Punkt der Glaube an einen wirkmächtigen Gott zu Passivität und Missachtung der (von Schöpfer gegebenen) menschlichen Möglichkeiten führt. 2018 ist nicht 1916: Nachdem die Medizin ungeheure Fortschritte gemacht hat, verbindet sich damit allerdings die gegenteilige Frage, ob das glaubensvolle Beten noch Platz hat in unserem Umgang mit Schwerem.

„Schwarmgeist“. Aufführungen bis 19. August, 20.15 Uhr (jeweils Mittwoch bis Samstag und 5. August). Tickets und Informationen: www.freilichtspielemoosegg.ch.