Über Sexualität reden lernen

Von Sexualerziehung im Zeitalter der Handy-Pornos über eine ganzheitliche Sicht der Sexualität bis zur Prävention von Missbrauch: Der EGW-Impulstag in Spiez für Jugendleiter und Gemeindeverantwortliche griff mehrere heisse Eisen auf. Madeleine Rytz und Matthias Bischofberger trugen am Vormittag Bausteine für eine gesunde, bewusst gestaltete, erfüllte und verantwortete Sexualität zusammen. Susanna Aerne ermutigte in einem Workshop, fröhlich an der Paarbeziehung zu arbeiten.

Wenn die sexuelle Aufklärung von Kindern früher oft verspätet und verschämt geschah, erfordern heute Pornos aus dem Internet, die auf Schüler-Handys zirkulieren, ein frühes, flexibles Handeln. Madeleine Rytz vom Schweizerischen Weissen Kreuz (SWK) umriss, wie gelingende Sexualerziehung den Boden für spätere erfüllende Sexualität im geschützten Rahmen bereiten kann:

Sie geschieht im Alltag, braucht eine Kultur des Vertrauens und ein ungezwungenes Verhältnis zum eigenen Körper – und sie schliesst das Weitergeben von Werten und sozialen Normen ein. „Sprachlosigkeit ist nicht gut – in keiner Situation!“ Die Fragen des Kindes sind zu beantworten; geschieht dies nicht, können beunruhigende Fantasien oder Ängste aufkommen.

Das Ja zum Körper fördern
Rytz riet, die Jahre zu nutzen, um Kindern eine positive Grundstimmung zu vermitteln. Dazu gehören das Ja zum eigenen Körper (angemessene Nähe, Intimität in Grenzen), der sorgfältige Umgang mit Ängsten und anderen Gefühlen und die Pflege vertrauensvoller Beziehungen.

Entwicklungssensible Sexualerziehung soll die Grundlage legen fürs erwachsene Ausleben der Sexualität im geschützten Raum, den der Bund der Ehe bietet. Eltern sind Vorbilder; sie sollen als Experten liebevoll und zeitig agieren und das Feld nicht den Medien überlassen. Unausweichlich kommt da Pornografie zur Sprache.

Teenies wollen ernst genommen werden. „In der Pubertät zeigt sich“, so Rytz, „was die Kinder gelernt und durchdacht und ob sie es sich zu eigen gemacht haben“. Neben den Eltern werden Jugendleiter in der Gemeinde erstrangige Gesprächspartner. Rytz‘ Tipp: von Anfang an über alles authentisch zu reden.

Pornos schaden
Matthias Bischofberger vom SWK machte deutlich, was Pornografie anrichten kann, und nannte Gründe, sie zu meiden. Sie steht einer erfüllten Paarbeziehung im Weg, indem sie die seelische und die Beziehungsdimension von Sexualität ausklammert. Pornos sind ein Milliardenbusiness oft mit kriminellen Machenschaften; der Referent wies auf ihr Suchtpotenzial und ihre Alltagsferne hin.

Wenn Männer glauben, sie könnten Pornos gucken, ohne ihre Ehe zu schädigen, täuschen sie sich. Bischofberger riet ihnen, Gott zuzutrauen, dass er ihr Verlangen auf gute Weise stillt: „Wieso soll meine Sexualität ausgeschlossen sein aus der Beziehung mit Jesus?“

Der Fächer der Prävention
Nach Hinweisen zu Sex-Inhalten in Sozialen Medien und den einschlägigen Artikeln des Strafgesetzbuchs kamen die Referenten auf die Prävention sexuellen Missbrauchs in christlichen Gemeinden zu sprechen. Die offene, herzliche Gemeinschaft in Christus soll ungetrübt sein – dazu trägt nicht das Verschweigen, sondern das Enttabuisieren des Themas bei. Gemeinden sollen sensibilisieren und alles gegen Übergriffe vorkehren, auch die Augen offen halten und ein Meldesystem einrichten. Der Vormittag endete mit differenzierten Bemerkungen zur Selbstbefriedigung.

Das Team des gastgebenden EGW Spiez bewältigte den Ansturm von 200 Personen bravourös; für die meisten wurde gekocht. Am Nachmittag konnten die Jugendleiterinnen und -leiter, Gemeindeverantwortliche und Pastoren zwei von drei Workshops besuchen.

Miteinander im Alltag
Susanna Aerne schilderte alltagsnah, wie Paare eine tragende, beglückende Liebesbeziehung aufbauen können. Den Jugendlichen machte sie Mut, ihre Single-Zeit zu nutzen, um sich selbst kennenzulernen und zu entwickeln. Sie skizzierte, was Beziehungsfähigkeit ausmacht und was Paare stolpern lässt. Aerne mahnte, sich über Lebensentwürfe zeitig auszusprechen – und im Alltag dem Partner viel Freiraum zu geben.

Madeleine Rytz machte im zweiten Workshop Prägungen bewusst und diskutierte über den Umgang mit ihnen. Matthias Bischofberger stellte die Tools vor, welche das Weisse Kreuz zur Verfügung stellt. Zum Abschluss antworteten die Referenten auf mehrfach gestellte Fragen. Zur Sprache kamen Homosexualität, zu grosse Nähe in Camps, Doktorspiele von Kindern – und Abwehr von «Loverboys».

Der Tag in Spiez wurde vom Kernteam Jugend des EGW als Jugendleitertag angedacht. Dann entschied man, die Veranstaltung für einen weiteren Kreis zu öffnen. So nahmen auch einige Dutzend Gemeindeverantwortliche daran teil. 35 Jugendleiter verbrachten den Abend und den Sonntag im Jugendhaus Aeschi. Dabei besprachen sie in grosser Offenheit Fragen, die zuvor tabu gewesen waren.