• Jahresfest 2019

«Im gemeinsamen Singen liegt Kraft»

Das Singen in der Gemeinde darf Gottes Reichtum widerspiegeln. Die Musiker Martin Jufer und Simon Sommer wollen aus dem Schatz alter Lieder schöpfen und neue Songs mit Tiefgang in die Gemeinde bringen.

wort+wärch: Wie erlebt ihr den Gemeindegesang nach dem Lockdown?
Simon Sommer: Wir durften am Anfang noch nicht singen – dies war für mich zuerst gewöhnungsbedürftig. Doch es war besonders, die Musik auf sich wirken zu lassen und die Texte einmal ganz bewusst nur zu lesen. Gewisse Songs haben mich auf eine neue Weise abgeholt und inspiriert.

Martin Jufer: In den liturgischen Gottesdiensten in der Casappella in Worblaufen, wo ich spiele, singen wir noch nicht, weil die Kapelle klein und nicht gut zu lüften ist. Wir summen; die Texte werden projiziert. In der Kleingruppe in Wyssachen singen wir wieder, von Herzen.

Welche Bedeutung hat für euch der Gemeindegesang im Ganzen des Gottesdienstes?
MJ: Im Gemeindegesang werden alle Anwesenden Mitgestalter des Gottesdienstes, und das in einem stark gemeinschaftfördernden Sinne. Als gemeinsam singende Gemeinde sind wir auch eine wichtige Stimme, die Gottes Wahrheiten proklamiert.

SS: Ich erlebe das gemeinsame Singen als sehr kraftvoll – zusammen in einer Einheit Gott anzubeten. Gemeindegesang ist für mich im Gottesdienstablauf ein starkes Element. Als Musiker erlebe ich hier einen Zugang, der mich näher ans Vaterherz bringt.

Musik ist eine universelle Sprache.
MJ: Ja, und sie ist unmittelbar und individuell unterschiedlich erlebbar. Sie berührt Schichten unserer Seele, die oft mit Worten nicht erreicht werden.

Wir haben einen Schatz an alten Liedern. Was geschieht, wenn wir sie singen? Was sind ihre Stärken?
SS: Ich bin immer wieder berührt und überrascht, was für eine Kraft und Tiefe im alten Liedgut steckt. Schätze, die wir nicht vergessen oder weglegen dürfen. Denn sie enthalten einen Segen für uns.

MJ: Die alten Lieder sind Klassiker, melodisch abgerundet, inhaltlich reich. Sie berühren nicht nur die Älteren, sondern auch jüngere Christen – darum gehen sie auch nicht vergessen. In der Kirchgemeinde Ittigen wird derzeit eine CD mit Worship-Songs aufgenommen, mit drei Gesangbuchliedern, die teils neu instrumentiert und teils rhythmisch aktualisiert wurden. Orgel und Band wirken zusammen. In ein modernes Worship-Lied wird ein Orgelstück von Buxtehude eingewoben.

Wie können alte Lieder neu erlebt, musikalisch aufgefrischt werden?
SS: Durch neue, erfrischende Interpretationen. Wir experimentieren gerne mit modernen Sounds und probieren Neues aus. Dadurch werden alte Songs oft neu belebt und erlebt.

MJ: Die Melodie des Bach-Chorals «Jesus meine Freude» geht auf Johann Crüger zurück (1653). Ihr Reichtum hat nicht nur Johann Sebastian Bach inspiriert; sie fasziniert auch zeitgenössische Musiker wie Tord Gustavsen, einen norwegischen Jazzpianisten und Kirchenmusiker. Er sagte mir, dass er sich direkt von der einzigartigen Melodie beeinflussen lässt, wenn er sie in seine musikalische Sprache übersetzt.

Persönlich versuche ich je länger je mehr, im Begleiten von Liedern die Melodie zu stützen und als klaren roten Faden ins Zentrum zu stellen.

Verbinden uns alte Lieder, wenn wir sie miteinander singen, mit früheren Generationen von Gläubigen – knüpfen wir an ihren Glauben an?
MJ: Wir ehren ihren Glauben und gestehen uns ein, dass wir auch heute ähnliche Herausforderungen erleben und uns im Glauben an Gott festhalten.

Was ist der besondere Beitrag von Brass Bands zur Musik-Kultur?
MJ: Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Schönheit in der Musik, zur musikalischen Bildung und fördern Junge und Erwachsene im gemeinsamen Musizieren mit einem übergeordneten Ziel – der Verkündigung des Evangeliums. In den regelmässigen Proben und Auftritten erleben die Brassmusiker die Gemeinschaft untereinander als Ermutigung im Glauben an Gott.

Im letzten Musiker-Gespräch (wort+wärch August 2019) wurde gesagt, dass wir noch viele neue Lieder brauchen, um Gott in seiner unfasslichen Grösse zu preisen. Brauchen wir ständig neue Lieder?
SS: Grundsätzlich ja! Die Musik verändert sich, heute rascher als früher. Jede Generation schafft Neues. Doch eine Gemeinde, die jeden Sonntag mit neuen Liedern konfrontiert wird, kann nicht mitsingen; sie wird nicht eins, kann dem Lob nicht gemeinsam Ausdruck geben.

Als Musikverantwortliche wollen wir zeitgemäss musizieren, ohne jede Neuerung aufzunehmen. Doch Leute, die Songs schreiben, entdecken Neues. Dies gilt es passend, dosiert in die Gemeinde zu bringen.

MJ: Gut dosiert – ein wichtiges Stichwort. Neue Lieder müssen sich auch bewähren. Sie sollen zuerst in Kleingruppen oder in den Bands reifen.

Möchtet ihr die Gemeinde herausfordern, sich einzulassen auf Neues?
SS: Auf jeden Fall. So wie altes Liedgut einen wahren Schatz enthält, finden wir auch in neuen Songs neue Wege und Möglichkeiten, welche unsere Sicht weiten. Mein Herzenswunsch ist es, dass wir Neues wagen, es mutig ausprobieren und dabei vor allem erleben, wie Gott im Lobpreis an uns und um uns wirkt.

Woran erkennt ihr einen guten neuen Song?
SS: Er geht rasch in Kopf und Herz, inspiriert und berührt in der Tiefe.

MJ: An seiner Gesanglichkeit und an seiner Ausdruckskraft und Einheit von Melodie und Songtext.

Wie kann die Gemeinde bei der Vielfalt der Musikstile ihren Weg finden? Was empfehlt ihr?
MJ: Es müssen nicht immer alle Stile und Vorlieben für Musik in einem Gottesdienst vorkommen. Wichtig ist die Offenheit gegenüber allen möglichen Musikrichtungen, da Gott als Schöpfer und Inspirator der Künste durch verschiedene Sounds spricht und angebetet werden soll. Hier kann die Gemeinde von der Musikgeschichte lernen. Wichtig scheint mir, dass sich die Musiker in den Gemeinden authentisch ausdrücken und sich nicht stilistisch «verbiegen». Gabenorientiertes Musizieren dient der ganzen Gemeinde.

SS: Ich sehe diese Vielfallt auch als sehr wertvoll an. Sie darf nicht durch Vereinheitlichung erstickt, sondern sollte möglichst gefördert werden. Ein Musiker hat seine gewisse Herzensmusik, die er entfalten und authentisch zum Ausdruck bringen soll. Die Aufgabe des Lobpreisleiters ist es, sein Team an der Hand zu nehmen, um gemeinsam herauszufinden, welche Musikstile und Songs gespielt werden.

Gemeindegesang ist mehr als Lobpreis. Der weltbekannte Worship-Musiker Brian Doerksen hat sich an die Vertonung aller Psalmen gemacht – inklusive Lieder der Klage und des Protests. Verpassen wir etwas, wenn wir uns so stark auf (möglichst reichen, intensiven) Lobpreis konzentrieren?
MJ: Wenn wir den Weg der Stiftshütte Davids als bildlichen Leitfaden im Herzen haben, so gibt es da einerseits starke Momente des Lobpreises und der Proklamation, andererseits den Ort des Sünden-Bekennens und des Klagens, wo Gott uns zur Echtheit einlädt. Im Heiligtum und im Allerheiligsten haben wir dank dem Opfer von Jesus Christus Zutritt. In Gottes Gegenwart sollen auch Anliegen Platz haben, die oft in der Fürbitte thematisiert werden: Zustand der Welt, Hunger, Kriegsgebiete, Flüchtende, Kranke, Leidende ...

SS: Gott anbeten enthält zum einen das Erheben seiner Herrlichkeit und Grösse. Aber es ist viel mehr: ein Herzensaustausch zwischen meinem Herzen und dem Vaterherz Gottes. Da gehört alles dazu – jede Emotion. Nur ist dies für uns oft noch fremd und ungewohnt. David hat in seinen Liedern oft geklagt und zu Gott gerufen. Ich denke, wir können davon viel für unsere Lobpreisgestaltung aufnehmen. Zu Gott kommen, ihm alles hinlegen, ihn fragen, Busse tun, ihn erheben, ihn bitten und so weiter: Lobpreis ist ganzheitlich.

Im christlichen Leben gibt es Kämpfe. Jede Gemeinde steht vor Herausforderungen. Erlebt ihr, dass im gemeinsamen Singen für sie – und auch für Einzelne – Türen aufgehen und geistliche Durchbrüche geschehen?
SS: Unbedingt. In der Bibel können wir immer wieder lesen, wie die Musik für den Durchbruch genutzt wurde und dem Kampf vorausging. Ich denke, wir haben diesen Zugang noch viel zu wenig erkannt. Der Klang setzt im Reich Gottes, im Sichtbaren wie im Unsichtbaren, eine Kraft frei, die wir uns nicht vorstellen noch erfassen können.

MJ: Wir sind es gewohnt, Gott mit freien Gebeten anzusprechen – auch in Anfechtungen und in Kämpfen. Ich habe in meiner Kleingruppe schon vereinzelte Versuche erlebt und auch selber angeregt, wo wir unsere frei formulierten Gebete in spontanen Melodien zu Gott sangen. Ich wünsche mir, dass wir darin noch viel mutiger werden, denn im gemeinsamen Singen liegt Kraft.

Wir wollen Gott erheben; dabei sollten wir Nöte von Menschen nicht aus den Augen verlieren. Sind Lobpreis und Fürbitte miteinander zu verbinden?
MJ: Lassen wir uns von den Worten aus Philipper 4 ermutigen: «Macht euch um nichts Sorgen! Wendet euch vielmehr in jeder Lage mit Bitten und Flehen und voll Dankbarkeit an Gott und bringt eure Anliegen vor ihn. Dann wird der Friede Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, über euren Gedanken wachen und euch in eurem Innersten bewahren – euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid.» Fürbitte und Lobpreis sind miteinander verbunden. Wenn wir Gott loben, so werden wir in unseren Herzen verändert und sensibel gegenüber dem Elend in der Welt.

SS: Gottes Geist verändert unsere menschlichen Perspektiven und den oft beschränkten Blick auf unsere Probleme. Wenn wir uns im Lobpreis neu ausrichten lassen und unser Herz hingeben, legt er seine Sicht in unsere Herzen.

Martin Jufer, Wyssachen, Musiklehrer und Kirchenmusiker mit Jazz-Vorlieben, ist Musikbeauftragter des EGW.
Simon Sommer, Lobpreisleiter in Kleindietwil, ist leidentschaftlicher Komponist und Produzent (
www.simonsommer.net).

Eine Kurzversion dieses Gesprächs erscheint in der Oktoberausgabe 2020 von wort+wärch.
Weitere Beiträge zum Thema in wort+wärch-Dossiers 2019.