«Die Schwarze Spinne» im Emmental

In der Erzählung von Jeremias Gotthelf, in diesen Wochen in Signau aufgeführt, kommt das Mittelalter bedrängend nah. Mit dem Bösen sind auch wir nicht fertig.

Auf dem Hämeli, einem Bauernhof hoch über dem Dorf, ist an 26 Abenden bis zum 4. August Hochbetrieb: Die Signauer spielen die „Schwarze Spinne“ zum zweiten Mal nach 2008, in einer neuen, ausdrucksstarken Dialektfassung von Marlise Oberli-Schoch, die vielen Personen Profil gibt.

Vor einem hablichen Emmentaler Bauernhaus wird Kindstaufe gefeiert. Der dunkle Türbalken im Haus erregt Neugier. Die Grossmutter erzählt, was es mit dem Zapfen im Balken auf sich hat. Und so werden die Zuschauer ins Mittelalter versetzt.

Da herrscht übers Tal ein grausamer Ritter und fordert Unmögliches. Unversehens steht ein grüner Jäger in der Mitte, bietet seine Hilfe an – und nennt den schockierenden Preis.

Wachsender Schrecken
Warum fasziniert die Geschichte, eine der Horror-Erzählungen der Weltliteratur? Heute wütet keine Pest, keine Tod bringende Spinne kriecht – wie bei Gotthelf – in die Stuben und Ställe. Gebändigt scheint das Böse, in Schranken gewiesen, jedenfalls in unserem Gemeinwesen. (Allerdings werden ungetaufte – ungeborene – Kinder im modernen Kult der Selbstverwirklichung preisgegeben, gesetzlich geregelt.)

Sind wir dem Bösen nicht auch ausgesetzt? (Den Teufel zu leugnen entfernt es nicht aus dem Getriebe der Welt.) Die erzählte Sage geht uns darin nahe, dass sie zeigt, wie eine Talschaft mit dem unheimlichen Helfer umgeht und meint, ihm ein Schnippchen schlagen zu können. Dem gottesfürchtigen Dorfältesten schwant mitten unter spielenden Kindern und ihren Eltern, die den Ernst der Lage verdrängen, Schlimmes. Die Erwachsenen sind zwischen Hoffnung und bodenloser Angst hin- und hergerissen.

Unheil und Rettung
Und alle sind sie in der stimmigen Inszenierung (Rolf Schoch, Nathalie Trachsel) aufeinander bezogen. Die Courage (der Übermut?) von Christine, die sich mit dem grünen Jäger einlässt, erweist sich nicht allein für sie als fatal. Sie führt in die Katastrophe – der Böse lässt sich nicht übertölpeln. Die Spinne – auf dem Platz unsichtbar, doch furchtbares Unheil anrichtend – führt das Tal an den Abgrund. Sie entfremdet den Mann von seiner hochschwangeren Frau. Bis Liseli, deren Kind der Pfarrer mit der Taufe vor dem Zugriff des Bösen gerettet hat, sie um den Preis ihres Lebens im Balken einschliesst.

Warum tun sich die Signauer Spielleute und das Publikum das an? Brauchen wir in der Sattheit der Wohlstandsgesellschaft den Schauder, setzen wir uns – als Zuschauer – dem Wüten des Teufels aus, um uns nach dem Drama wieder ins behagliche Heimet zurückziehen zu können? Aber was, wenn das Böse tatsächlich nochmals so übermächtig würde? Unter dem Emmentaler Sternenhimmel endet das Schauspiel. Die Fragen bleiben.

«Die Schwarze Spinne» in Signau bis am 4. August.
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