Die NMS: wichtig fürs Berner Bildungswesen

Mit der Ausbildung von Lehrerinnen hat die pietistische Neue Mädchenschule einen prägenden Akzent im Berner Schulwesen gesetzt. Im Maiheft von wort+wärch ist die Gründung der NMS 1851 und ihre Frühzeit beschrieben. Wo steht die Privatschule heute? Für die Direktorin Annette Geissbühler ist der Bezug zu den Wurzeln wichtig.

wort+wärch: Welche Bedeutung hat die NMS als Privatschule für die Berner Volksschule?

Annette Geissbühler: Die NMS Bern versteht sich als Ergänzung zum staatlichen Bildungsangebot mit innovativen Unterrichtskonzepten an allen Stufen. Es war uns immer wichtig, dass wir neue pädagogische Konzepte entwickeln und umsetzen durften. Dieser Spielraum wurde und wird uns vom Kanton gewährt.

Im Gegenzug sind die kantonalen Stellen jeweils interessiert an der Offenlegung unserer Erfahrungen. Zahlreiche öffentliche Schulen haben zum Beispiel unser Lernwelt Modell an der Volksschule besucht und konnten dieses dann in ihre eigenen Schulentwicklungen einbeziehen. Auf diese Weise geben wir dem kantonalen Bildungswesen auch etwas zurück für die Beiträge, die der NMS gewährt werden.

Der Beschluss zur Einrichtung des Seminars schon 1853, kurz nach der Gründung der NMS, scheint eine erstrangige Weichenstellung gewesen zu sein. Wie wichtig wurde das Seminar für die bernische Lehrerinnenausbildung?

Die NMS hatte in der Lehrerinnen- und Kindergärtnerinnenausbildung (Koedukation kam erst 1983) von Beginn weg eine Bedeutung für den Kanton. Anteilsmässig machen die Lehrdiplome der NMS über die Jahre zwischen 24-30 Prozent aus. In Zahlen heisst das, dass die NMS seit der Gründung rund 7'000 Lehrpersonen ausgebildet hat.

Die NMS war auch stets bereit, mehr Lernende aufzunehmen, wenn es darum ging, genügend Lehrerinnen oder Kindergärtnerinnen für den Kanton auszubilden. Auch hat die NMS mehrmals ihre Seminaristinnen in den Landeinsatz geschickt, wenn zu wenig ausgebildete Lehrpersonen zur Verfügung standen.

Das gilt auch heute in Zeiten des Lehrermangels: Auch unsere Studierenden springen an den Schulen ohne Lehrperson ein. Die NMS Bern hatte ihr eigenes, christlich geprägtes Profil in der Ausbildung, war aber gleichzeitig auch stets auf ihre Art staatstreu.

Bei der Kindergärtnerinnen Ausbildung hatte die NMS sogar eine ganz besondere Rolle: Es waren Lehrerinnen aus dem Kindergartenseminar der NMS, die in den Landgemeinden für die Einrichtung von Kindergärten plädierten und sich dafür einsetzten, dass das Bild über die Wichtigkeit von Kindergärten für die Entwicklung der Kinder in den Köpfen der Landbevölkerung ein anderes wurde.

Was trug die NMS im 19. und dann im 20. Jahrhundert zum Selbständig-Werden von Frauen, zur Entwicklung eines offeneren Frauenbildes bei? Welche christlichen Akzente setzte die Schule in diesem Bild?

Der wichtigste Beitrag ist der, dass die Neue Mädchenschule überhaupt gegründet wurde! Dies geschah in einer Zeit, als die jungen Frauen praktisch keine Möglichkeit hatten, eine schulische, nachobligatorische Ausbildung zu absolvieren. Denn im 19. Jahrhundert war ihnen der Besuch eines Gymnasiums noch verwehrt.

Mit der NMS tat sich jungen Frauen ein Weg zu einem selbstbestimmten Leben auf, ohne zwingend auf das Einkommen eines Ehepartners angewiesen zu sein. Den Gründervätern ging es aber natürlich auch um die religiöse Bildung der jungen Frauen, welche sie bei den staatlichen Ausbildungsstätten seit dem Übergang der schulischen Bildung von der Kirche zum Staat in Gefahr sahen.

Die NMS Bern hat bis heute einen Schulpfarrer angestellt und viele Direktoren der Schule waren Theologen, die die christliche Prägung der NMS weiterführten. Das Kirchengesangbuch kam jeden Tag zum Einsatz und das Fach Religion ist immer noch im Fächerkanon enthalten.

Welche Elemente und Akzente der Gründer- und Frühzeit schätzen Sie für die NMS heute als wichtig ein? Wie kommt das Erbe im Schul- und Lehrbetrieb zum Ausdruck?

Den Bezug zu unseren christlichen Wurzeln ist ein Bestandteil in der Schulentwicklung an der NMS, aber kein einfacher. Die Säkularisierung hat auch an der NMS Einzug gehalten. Bei unseren Schülerinnen und Schülern sind mittlerweile alle Weltreligionen vertreten und die Schule ist überkonfessionell geworden. Dasselbe gilt für die Mitarbeitenden. Während erst in den Achtzigerjahren erstmals ein Katholik als Lehrer am Seminar angestellt wurde – im Sinne der Ökumene –, kann man sich eine Nachfrage nach der Konfession bei den heutigen Anstellungen gar nicht mehr vorstellen.

Trotzdem ist mir der Bezug zu unseren Wurzeln wichtig geblieben. So haben wir zum Beispiel mit dem fächerintegrierten Ethik- und Religionsunterricht FiRE am Gymnasium ein Modell gefunden, um den Lernenden den Sinn für die Religion als wichtiges Element für ein gelingendes, gesellschaftliches Zusammenleben in der heutigen multikulturellen Zeit zu öffnen. Gerade die jungen Menschen sind an Sinnfragen und einer Orientierung für ihr Leben sehr interessiert. Ethische Überlegungen haben im Rahmen des FiRE in fast allen Fächern einen hohen Stellenwert.

Im PH-Studiengang bereiten sich die Studierenden vor, die Teilbereiche Ethik, Religion und Gemeinschaft in der Primarschule zu unterrichten. Oft zieht das eine Auseinandersetzung mit eigenen Vorstellungen und Überzeugungen mit sich.

So werden an der NMS christliche und humanistische Werte nicht nur im Leitbild erfasst, sondern auch im Schul- und Studienalltag gelebt oder zum Thema gemacht. Gerade diese Wertorientierung ist für viele Eltern eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Wahl unserer Schule.

Annette Geissbühler, Ing. Agr. ETH, ist seit 2003 Direktorin der NMS Bern. Website: www.nmsbern.ch

Die Fragen wurden per Mail beantwortet. Bilder: NMS Bern.