Chachelihannes im Emmental

Auf der Waldbühne hoch über dem Emmental führt der "Chachelihannes", der Geschirr-Hausierer, Regie im listigen Kampf, den die Männer und die Frauen von Rychiswil gegeneinander ausfechten.

Vom modernen Kampf der Geschlechter ist in der Komödie, die Simon Burkhalter nach der Kalendergeschichte „Wurst wider Wurst“ von Jeremias Gotthelf geschrieben hat, wenig zu spüren. Denn die Männer und Frauen von Rychiswil wissen, wohin und zu wem sie gehören.

Allerdings trennen sie ausgeprägte Vorlieben: Die Frauen kennen keine grössere Lust als „gänggele“: Begeistert vergucken sie sich, sobald Chachelihannes im Dorf auftaucht, in sein Töpfer-Geschirr und reissen sich um die schönsten Stücke. Die Männer treffen sich zum Bechern und Würfeln in der Dorfwirtschaft.

Und diese Eigenheiten – wer wollte im beschaulichen Rychiswil von Lastern reden? – schaukeln sich gegenseitig hoch. Männer und Frauen versuchen einander gegenseitig die Schwere ihrer Sucht zu beweisen (und die eigene Neigung zu banalisieren). Der Streit gibt dem grossen Moosegg-Ensemble reichlich Gelegenheit, Pointen zu platzieren.

Zwar hat Bäbeli nichts anderes im Kopf als ihren Ueli; und ihre Mutter, die Wirtin, die ihr den Burschen aus dem Nachbardorf Längwilige ausreden will, gibt endlich klein bei. Wir erfahren auch, dass Chachelihannes Bäbelis Vater – und dass der Dorfpfarrer ein Nimmersatt ist.

Doch all dies trägt wenig zum Ganzen bei; es rankt sich wie luftiges Dekor um die Haupthandlung, die auf der simplen grünen Bühne abgeht. Wer gewinnt? Die Männer mit ihrer Absicht, die Scherben zum Vorschein zu bringen (denn verscherbelt und versteckt wurde bisher das Geschirr, damit es ersetzt werden konnte) – oder die Frauen mit dem Ziel, den Männern ihre Sauflust nachzuweisen?

„Nid ugstraft“ würden die Männer herausgefordert, sinniert der Erzähler im Off. Er charakterisiert sie als Emmentaler und spricht in gotthelfscher Manier von Mann und Frau als „Pflänzli us Gottes Garte“.

Der Chachelihannes lässt sich aufs doppelte Spiel ein und es kommt zum Happy End, wie es sich für eine Komödie der Bauernschläue ziemt. Ausweglosigkeiten und Abgründe, die sich in den grossen Romanen und Erzählungen Gotthelfs auftun – auch im 2018 aufgeführten „Schwarmgeist“ nach Simon Gfeller –, bleiben uns auf der Moosegg in diesem Sommer erspart. Bei viel zerschlagenem Geschirr wird es nicht todernst.

Dass „Chachelihannes“ gefällt, hat wohl auch mit Nostalgie zu tun: Wünschen wir uns im Geheimen nicht die Zeit zurück, da kleine Freuden und Köstlichkeiten uns beglückten? Auch wenn heute mehr Gelegenheiten zum „Gänggele“ durchaus geschätzt werden (Wie viele Shopping-Zentren erreichen wir in 30 Minuten?).

Trauern wir in der globalen Risikogesellschaft nicht dem Dorf nach, wo jeder jeden kennt, dem Dorf mit akzeptierten Rollen, überschaubaren Optionen und begrenzten Exzessen? Bei den Männern und den Frauen von Rychiswil spielen sich Einzelne auf, ereifern sich – doch sie fügen sich in ihre Gruppe ein. Und die Frauen schmettern es heraus: „Aues blibt wienes isch“. Das war einmal.

Chachelihannes auf der Moosegg. Aufführungen bis 17. August 2019.