• Referenten der Tagung in Wabern

Bewegt sich die Kirche?

Die gesellschaftlichen Megatrends schütteln die Kirche durch. Ist sie (auch sonst) richtig in Bewegung? An einer Tagung prüfte die Berner Landeskirche Entwicklungsmodelle und suchte zukunftsträchtige Ansätze fürs kirchliche Leben.

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben am 15. und 16. März in Wabern einen Überblick über neue Formen versucht, nicht ohne die gesellschaftlichen Umbrüche zu bedenken. Denn diese verflüssigen auch, was bisher Kirche ausmacht, wie Arnd Bünker (St. Gallen) ausführte.

Die Welt entgleitet uns
In der Postmoderne, vom Soziologen Zygmunt Baumans als «liquid modernity» bezeichnet, herrscht Verunsicherung aufgrund der Erfahrung ständigen und nicht steuerbaren Wandels in fast allen Lebensbereichen. Bünker: «Die Welt ändert sich, erwartet von uns Anpassungsleistungen. Wir sind nie auf der Höhe der Zeit.» Den Menschen entgleitet die Kontrolle und was Bestand hatte, verflüssigt sich: Traditionen und Werte, Heimat, Geschlechter-Identitäten, die Herrschaft über Maschinen und nicht zuletzt die alten Formen der Solidarität und damit das Vertrauen in soziale Systeme.

Unentrinnbarer Sog des Marktes
Wenn Unsicherheit alle menschliche Erfahrung prägt und durchdringt, muss es laut Arnd Bünker auch den Kirchen darum gehen, «Unsicherheit einzudämmen und mit ihr umgehen zu lernen, Unsicherheiten zu bewältigen». Dies sei nicht einfach, da die Quelle der Verunsicherung kaum auszumachen sei und sie von allen Seiten komme.

Als Motor des Ganzen bezeichnete Arnd Bünker den «kulturell hegemonialen Kapitalismus». Es bestehe keine Aussicht, ihn insgesamt zu überwinden. Die Marktlogik durchdringe alles; sie verursache Stress, weil sie dem Einzelnen mit der unübersichtlichen Vielfalt der Optionen zwar viel Freiheit ermögliche, aber ihm zugleich alle Verantwortung individuell aufbürde.

«Fluide Gegenwart Gottes»
Die Kirchen hätten ihren früheren kulturellen Einfluss, ihre alte Rolle verloren, sagte Bünker, auch die «Autorität zu ihrer wirksamen Selbstdeutung». Sie würden daran gemessen, wie sie verschiedenste individuelle Bedürfnisse befriedigten. Gott sei der Gesellschaft heute egal. Der Kirche müsse es um ein Verständnis von Gott gehen, das der Fluidität des Lebens gerecht wird. Arnd Bünker hofft darauf, dass «Gott in diesen fluiden Zeiten zur Verunsicherung der Verunsicherung beiträgt».

Sechs Modelle für die Kirche von morgen
Den zweiten Hauptvortrag hielt Dr. Uta Pohl-Patalong, Professorin für Religionspädagogik, Predigtlehre und Kirchentheorie an der Universität Kiel. Sie skizzierte zuerst sechs «Modelle einer künftigen Gestalt von Kirche» und nannte dann acht Elemente, die in die Gestaltung einfliessen. Die sechs Modelle, so Uta Pohl, müssen sich daran messen lassen, ob sie der aktuellen Kommunikation des Evangeliums dienen. Es sind: Kirche als Ortsgemeinde – Kirche in der Region – Kirche im Gemeinwesen – Priestertum aller Getauften – kirchliche Orte – fresh expressions.

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