Aus dem Dunkel ins Licht kommen

Trennung ohne Abschied schmerzt, noch mehr jene durch Suizid. Jörg Weisshaupt engagiert sich seit Jahren für die Nachsorge Suizidbetroffener, indem er sie in geführten Selbsthilfegruppen vernetzt und Fachpersonen mit Schulungen sensiblisiert.

wort+wärch: Hat die Suizid-Neigung durch die Pandemie zugenommen?

Jörg Weisshaupt: Während der ersten Welle nicht. In einer deutschen Kurzzeitstudie über den Lockdown im Frühjahr gaben Therapeuten einhellig zu Protokoll, dass in den ersten Wochen das Überleben im Vordergrund stand. Der Fokus war auf das Leben gerichtet.

Du hast Nebelmeer-Selbsthilfegruppen für junge Erwachsene initiiert, die ihren Vater oder ihre Mutter verloren haben. Worunter leiden sie?

Einem Suizid geht eine lange Geschichte voraus. Die Betroffenen (englisch: suicide survivors) bringen diese Geschichte in die Gruppe mit und bekommen die Möglichkeit, über sie zu reden, üben das dann auch. Denn in ihrem Umfeld hält die Bereitschaft nicht an, auf die verlängerte Trauer einzugehen. Vielleicht kommt in der Gruppe zur Sprache, dass ein Elternteil während langer Zeit psychisch krank war. Aber das Familiensystem integrierte das: Für die Kinder gab es viel mehr Verantwortung, vor allem wenn die Mutter erkrankt war. Dem Mädchen, das die Mutterrolle zu übernehmen hatte, unter Umständen während Jahren, wurde die Kindheit genommen, wobei man es dafür bewunderte: «Sie macht das gut! Hut ab – sie hilft der Mutter.» Stattdessen hätte man ihre Überforderung erkennen müssen.

Dies einzugestehen, fällt dem Umfeld auch nach dem Suizid nicht leicht. So wird nicht geholfen, die Trauer aufzuarbeiten…

Und ganz verrückt ist, dass Kinder danach unter grossen Schuldgefühlen leiden. Eine Tochter hat ihren Vater zur Therapie und in die Klinik begleitet – und macht sich nach seinem Suizid enorme Vorwürfe. Nicht nur Partner, auch Kinder sehen in ein Loch, verlieren ihr Selbstwertgefühl. Denn Eltern sind Vorbilder, man will in ihre Fussstapfen treten. Das wird abgeschnitten, gekappt. Eine Riesen-Leere. «Mir ist der Boden unter den Füssen weggezogen», sagen Hinterbliebene, Kinder, Eltern, Partner.

Wenn sich jemand ohne psychische Erkrankung plötzlich das Leben nimmt, ist der Schock noch grösser. Nicht selten sind es Männer mit perfektionistischer Veranlagung und beruflichem Erfolg. Da fällt die Familienidylle wie ein Kartenhaus zusammen. Für Erwachsene gibt’s Refugium-Gesprächsgruppen. Eine Frau, Mutter zweier Kleinkinder, erzählte, wie sie ein Häuschen gekauft hatten. Der Mann hatte sich vom Handwerker zum Berufsschullehrer emporgearbeitet. Er nahm sich das Leben im Vorbereitungszimmer, als das Semester begann. Niemand hatte es geahnt.

Da stellt man alles, die gemeinsamen Pläne, die Werte, die Beziehung, auch das Vertrauen des Verstorbenen, in Frage. Da tut sich ein Graben auf. Warum hat er sich mir nicht anvertraut? Das Gefühlschaos ist immens. Darum auch die für die Gruppen gewählte Bezeichnung «Nebelmeer» – eine 18-Jährige hat sie vorgeschlagen. Wie über dem Nebelmeer suchen die Gesprächsgruppen nach Perspektiven für die Zukunft, auch wenn sie plötzlich wieder im dichten Nebel kaum einen Schritt sehen oder unter der schweren Nebeldecke leiden.

Was passiert im Gefühlschaos?

Wut löst sich ab mit Trauer. Survivors verstehen nicht, dass sie unversehens weinen und dann wieder anders gestimmt sind. Vom einen ins andere geworfen zu werden, macht Mühe. Was können sie tun, um nicht bei einem Vorstellungsgespräch in Tränen auszubrechen? Letzte Woche sagte ich in der Refugium-Gruppe: Für die Lücke, die die verstorbene Person hinterlässt, gibt es keinen Ersatz. Gerade Männer neigen dazu, rasch wieder eine Partnerin zu suchen, aber die Lücke bleibt.

Wie hilfst du Personen mit Schuldgefühlen?

Die Frage kommt fast bei allen. Jugendliche werfen sich Konflikte in der Pubertät vor: Hat der Vater das nicht mehr ertragen? Partner fragen, warum es nicht zum Gespräch kam. Und Wut kommt auf: Warum tut er das mir und den Kindern an? Es gibt ein gutes Buch von Chris Paul: «Schuld Macht Sinn, Schuld und Vergebung im Trauerprozess». 

Ebo Aebischer, der Refugium-Gründer, hat vorgeschlagen, dass Hinterbliebene sich nacheinander hineindenken in die Rollen des Angeklagten, des Verteidigers, des Anklägers und des Richters. Dadurch können Schuld-Phantasien als solche erkannt und von begrenztem tatsächlichem Verschulden unterschieden werden. Erkannte Schuld soll bekannt werden; es geht dann um Vergebung und konkrete Wiedergutmachung.

Dazu kommt die Stigmatisierung von Familien, weil die katholische Kirche den Suizid lange als Todsünde verdammte. Auch Äusserungen von reformierten Pfarrern werden von Angehörigen als verurteilend empfunden – etwa wenn …. (bedauert wird, dass er nicht mehr aus seinem Leben gemacht hat? Man wird niemandem gerecht, wenn man etwa sagt, Gott habe mit der Person etwas Anderes vorgehabt. Wir dürfen nicht dazu beitragen, dass Hinterbliebene sich noch mehr schuldig fühlen. In der Bibel äussern Menschen, dass sie lebensmüde sind. Die Bibel bewertet den Suizid nicht. Die kirchliche Verurteilung begann erst später.

Es hilft nicht, den Suizid als Folge von Feigheit hinzustellen, noch weniger, ihn als mutige Tat zu glorifizieren. Ich masse mir ein Urteil nicht an, wenn die Bibel dazu schweigt.

Kehren wir zur Verarbeitung zurück. Worte zu finden für den Verlust ist schwierig.

Ein Suizid verunmöglicht das Abschiednehmen und auch das gemeinsame Trauern. Als Vreni, meine Frau, an Krebs erkrankte, konnten wir über Monate und Jahre einen Weg miteinander gehen. Dasselbe tat ich, als später mein Sohn Micha erkrankte – zuerst im Zeichen der Hoffnung auf Besserung. Der gemeinsame Weg von Traurigkeit, Wut und Abschiednehmen hilft Hinterbliebenen nach dem Tod, allein weiterzugehen auf dem Weg. Beim Suizid geht das nicht. Deshalb kommt es zu einer prolongierten, lange anhaltenden Trauer. In den 1960er Jahren stuften Psychiater diese Trauer als krankhaft ein, was bis heute nachwirkt.

Ich erlebe Menschen, die nach fünf Jahren in die Gruppe kommen und merken, dass sie vieles noch nicht aufgearbeitet haben. Dann machen sie Ähnliches durch wie jemand, der sich der Trauer kurz nach dem Tod des Nächsten stellt. Trauer ist keine Krankheit, aber sie macht krank, wenn man sie nicht zulässt. Eine Frau, neu im Refugium, hat geweint und sich dafür entschuldigt. Ich sagte: Bei uns hat das Weinen genauso Platz wie das Lachen – und wer entschuldigt sich fürs Lachen? Doch so ist es in unserer Gesellschaft: Man meint, sich für Tränen entschuldigen zu müssen.

Stellst du fest, dass Hinterbliebene die Trauer über lange Zeit verdrängen?

Eine Langzeit-Studie in den USA ergab, dass Hilfe im Durchschnitt erst nach viereinhalb Jahren in Anspruch genommen wurde. Wer so lange in einer Blockade lebt und nicht mehr in sein Leben zurückfindet, leidet schwer. Es macht Sinn, frühzeitig auf survivors zuzugehen. Darum ersuche ich nun die Kantonspolizei, Betroffenen meine Handynummer zu geben oder mir von ihnen Kenntnis zu geben, dass ich sie kontaktieren kann. Ich besuche sie wenn gewünscht gleich und kann sie beraten, wenn es um die Trauerfeier und die nächsten Schritte geht.

Im Advent brennen viele Lichter im Dunkeln. Wie kommen Hinterbliebene wieder ins Licht?

Wenn der Suizid noch nicht lang zurückliegt, werden die Lichter oft als Affront empfunden. Jeder Geburtstag, den man zuvor miteinander feierte, jedes Fest schmerzt enorm. Wir thematisieren das in den Gruppen. Gut ist, etwas zu planen für diese Tage. Eine Frau hat an jedem Todestag ihrer Mutter freigenommen, ist weggefahren und hat viel geschrieben. Andere wollen ihre Tagesstruktur bewusst nicht verlassen oder gehen mit einer Freundin auf eine Wanderung.

Gibst du Bibelworte weiter?

Selten outet sich jemand als Glaubende/r. Während zehn Jahre als Notfallseelsorger in Zürich habe ich von Hinterbliebenen nie den Wunsch vernommen, dass der lokale Pfarrer vorbeikommen möge. Es war alarmierend für mich, dass die Kirche in der Stadt schon so weit von den Leuten weg ist. Viele Menschen haben keinen Bezug mehr zur Bibel und erwarten von der Kirche nichts mehr.

Bringst du Bibelworte in die Gesprächsgruppen ein?

In der Nebelmeer-Gruppe fragte eine Frau, die sich auch Jahre nach dem Suizid noch nach ihrer Mutter sehnt, eine Viertelstunde vor Ende: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ich überlegte, ob ich von meinem Glauben her bejahend antworten sollte. Würde die Frau dann heimgehen und sich eventuell das Leben nehmen, um ihrer Mutter rascher wieder zu begegnen? Ich machte keine Aussage, aber gab den drei Anwesenden am Ende eine Bibel mit der Einladung, darin zu lesen. Mit Kirche haben die meisten Jungen nichts mehr am Hut.

Ein Pfarrer fragte mich, ob er den Abschiedsbrief der jungen Frau, laut dem sie sich freut, Jesus zu sehen, in der Feier vorlesen soll. Ich habe ihn ermutigt, es zu tun und in der Predigt darauf einzugehen. Wir sollen von der Hoffnung, die Jesus uns schenkt, reden, wenn sich die Gelegenheit bietet (1. Petrus 3,15).

Jörg, du hast erwähnt, dass deine Frau Vreni an Krebs erkrankte und nach Jahren von Kampf und Schmerz verstarb. Dann erkrankte euer Sohn Micha und du musstest ihn loslassen. Und eben ist deine Mutter verschieden. Wie prägt das deinen Dienst?

Ich konnte alle drei begleiten und Abschied nehmen. Vreni und ich rangen jahrelang um ihr Leben. Michas Sterben war schwer erträglich. Die Trauer ist mega gross. Durch meine Geschichte habe ich ein tieferes Verständnis für Menschen, die trauern. Ich sage ihnen: Trauer drückt eure Liebe zum und zur Verstorbenen aus. Wenn Tränen unkontrollierbar aufsteigen, ist das ein Beweis eurer Liebe. Das können survivors eher akzeptieren, wenn sie meinen Weg kennen.

Im Leben eines jedes Menschen kommt es zu Situationen, in denen es scheint, als würde die Welt sich plötzlich aufhören zu drehen. Der Tod eines geliebten Menschen gehört dazu. Je nach Reserven und Quellen gelingt es den Hinterbliebenen früher oder später, mit dem Verlust weiterzuleben.  Manchen von uns ist Resilienz, diese seelische Widerstandskraft, von klein auf gegeben; andere müssen sie sich erst aneignen. Wer in einer Gottesbeziehung und einer tragfähigen Glaubensgemeinschaft lebt, erfährt Geborgenheit und diese Kraftquelle, die ihn aus dem dunklen Loch wieder ans Licht führt. Anstatt „Weshalb geschieht das gerade mir?“, fragt er sich: „Was kann ich jetzt, da es mich getroffen hat, tun, um aus dieser Situation möglichst unbeschadet herauszukommen?“

Wenn die reformierte Kirche noch Volkskirche und für alle da sein will, muss sie die Situation von Suizid-Hinterbliebenen ernst nehmen. Es ist selbstgenügsam vom Zürcher Kirchenrat, zu sagen, die Kirche mache für Betroffene genug. Es gab eine Lücke in der Suizid-Nachsorge. Doch gerade Kirchenleute stellten unser Engagement in Frage. Vreni und ich taten es, um Menschen auf dem Weg zurück ins Leben zu helfen.

Durch einen Suizid sind im Schnitt 135 Menschen betroffen: Neben den nächsten Angehörigen sind das Mitarbeitende von Blaulicht- und Gesundheitsorganisationen, Lokführer, Schul- und Arbeitskollegen, Freunde aus Freizeitaktivitäten... Bei jährlich tausend  Selbsttötungen in der Schweiz sind das 135'000 Betroffene. Hinzu kommen die 1000 assistierten Suizide.

Wie siehst du das Erwägen des Suizids und seine grössere Akzeptanz als «Freitod» in unserer Gesellschaft?

Den Begriff «Freitod» brauche ich nie. Vor einem Jahr legten Juristen an einer Exit-Tagung dar, dass das Schweizer Recht einen Suizid in jeder Lebenssituation zulässt. Unser Recht ist entsprechend liberal. Der Suizid ist keine Straftat. Aber von Freitod würde ich nicht reden, denn wenn jemand erwägt, sich das Leben zu nehmen, ist eine Einschränkung da, körperlich oder seelisch – irgendetwas, das einen veranlasst, das Leben zu beenden. Wer noch Lebensfreude empfindet, tut das nicht.

Die Akzeptanz der Selbsttötung ist wieder gewachsen, muss man sagen. Denn in der Antike gingen die Römer ganz anders damit um. Eine liberale Haltung gegenüber der Selbsttötung ist in dem Sinn nichts Neues. Wir kommen vielleicht darauf zurück. Die katholische Kirche verdammte den Suizid, aber ob dies langfristig für Menschen mit suizidalen Gedanken hilfreich war, bezweifle ich. Über Jahrhunderte zog die Katholische Kirche das Vermögen des Suizidenten ein.

Mache ich die Schwelle zum Suizid tiefer, wenn ich ihn gegenüber einem suizidalen Menschen nicht als Sünde bezeichnen? (Dies fragte mich ein Student.) Meine Erfahrung ist, dass wenn ein Suizidaler im Gespräch bei seinem Gegenüber Offenheit für seine Empfindungen und Gedanken spürt, für sein Sein im Loch, dann ist das wie ein Ventil: Druck geht ab. Einer schrieb, er habe die Nacht nur überlebt, weil er in einem Suizid-Forum habe chatten können – die Dargebotene Hand hätte ihm nicht geholfen. Das zu hören, mag schockieren. Doch in dem Forum erfährt jemand mit suizidalen Absichten Verständnis – sie werden ihm nicht ausgeredet.

Was rätst du zur Prävention von Suiziden?

Drei Punkte: Hinschauen, ansprechen, handeln. Als Christen sollen wir aufmerksam werden, wenn jemand sich verändert, nicht mehr zum Mittagessen kommt oder sich nicht mehr pflegt. Zweitens: die Suizid-Gedanken ansprechen – sagen, dass wir uns sorgen. Das Ansprechen hilft. Erwiesenermassen gibt es nicht mehr Suizide, wenn darauf gerichtete Gedanken angesprochen werden. Und drittens: handeln. Wenn jemand von einem Ort oder einem Zeitpunkt redet, dann müssen wir ihn dahin mitnehmen, wo er intensiv betreut wird. Oder Seelsorge erfährt, sofern er dafür offen ist.

Jörg Weisshaupt, 64, während 30 Jahren Jugendbeauftragter der Stadtzürcher reformierten Kirchgemeinden, Mitinitiant der SMS- und die Internet-Seelsorge, kümmert sich um Suizid-Hinterbliebene.

Nebelmeer-Gruppen (derzeit in Bern und Zürich, im Aufbau St.Gallen) sind für Jugendliche und junge Erwachsene, die Eltern durch Suizid verloren haben. In Refugium-Gruppen treffen sich Menschen ab 30 nach dem Verlust eines Partners, eines Kindes, eines Elternteils, eines guten Freundes.

Covid-19 macht kreativ: Online-Community für Suizidbetroffene – monatliche, moderierte Videokonferenz. Damit du mit anderen Hinterbliebenen sprechen kannst, schreibe ein SMS an 076 598 45 30, dann bekommt du die Infos zum nächsten virtuellen Treffen.

Webseiten: www.nebelmeer.net, www.trauernetz.ch